Aus meinem Leben An das Leben glauben
Das verdienstvolle Regensburger Institut Papst Benedikt XVI. wurde vom damaligen Kirchenoberhaupt selbst mit der Herausgabe der Gesammelten Schriften betraut. Die Reihe, sorgfältig ediert, nähert sich mittlerweile dem Abschluss und bildet die unverzichtbare Grundlage für alle, die sich mit Ratzingers Theologie fachwissenschaftlich beschäftigen möchten. Wer aber das Schrifttum des 2013 zurückgetretenen und 2022 verstorbenen Papstes kennt, der weiß, dass nicht nur Theologen, sondern auch eine breite Leserschaft sich den Büchern und Aufsätzen Ratzingers zuwendet. Zu Lebzeiten waren sowohl die Einführung in das Christentum (1967) als auch die Jesus-Trilogie, die in der Zeit des Pontifikates erschien, internationale Bestseller des in Marktl am Inn geborenen Theologen, der sich stets als einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn verstanden hat – und verständlich zu schreiben, geistvoll und geisterfüllt zu predigen wusste.
Mit Aus meinem Leben stellen die neu publizierten Bände autobiographische Schriften, Interviews, Ansprachen und Predigten in den Mittelpunkt, in denen Ratzinger über sich selbst berichtet, Weggefährten würdigt und besonders auch Dimensionen des Glaubens aufzeigt, der ihn sein langes Leben hindurch erfüllt hat. Dass Christen diese Bände mit Interesse und Freude an der Lektüre studieren mögen, steht vielleicht außer Frage. Ob auch diejenigen Zeitgenossen, die verborgen, manchmal sogar vor sich selbst, sehnsüchtig nach der Geborgenheit im Glauben sind und nach Gott suchen, ja selbst Atheisten diese Texte mit kritischem Verstand, Resonanz und Anteilnahme lesen könnten, wer weiß. Auch ihnen seien Ratzingers Bücher ans Herz gelegt.
Titelgebend für die beiden Teilbände ist Ratzingers 1997 in italienischer Sprache erschienene und 1998 zum ersten Mal auf Deutsch publizierte Autobiographie Aus meinem Leben. Darin schildert der damalige Präfekt der römischen Glaubenskongregation, vormals Theologieprofessor und Erzbischof von München und Freising, seinen Weg im Leben. Bilder der Familie entstehen dabei, denn der junge Joseph wächst in der Geborgenheit des Elternhauses auf, nimmt aber zugleich wahr, wie der Nationalsozialismus immer mehr in den Alltag hereindrängt, mit heidnischen Ritualen und einer glaubensfeindlichen Ideologie. Ratzinger fühlt sich vor allem in der Liturgie der Kirche wohl, die ihm den Rückzug vor der zudringlichen Welt erlaubt und gleichzeitig Ausblicke in einer Sphäre der Schönheit und Güte schenkt. Für ihn und seinen älteren Bruder Georg scheint der Weg ins Priestertum vorgezeichnet zu sein. Die Stürme der Zeit indessen, der von Hitler entfesselte grausame Krieg, gehen auch an der Familie Ratzinger nicht spurlos vorbei.
Im Anschluss erfolgt für den 18-Jährigen der Eintritt ins Freisinger Priesterseminar. Er begibt sich hinein in die Welt der Theologie, erinnert sich mit Dankbarkeit an seine Lehrer, so etwa an Joseph Pascher und Gottlieb Söhngen, den späteren Doktorvater, der seine außerordentliche Begabung erkennt und ihn fördert. Ratzingers Weg in der Theologie führt nur für kurze Zeit in den Pfarrdienst, auch wenn er an der Universität harte Auseinandersetzungen erleben muss. Gegen den spröden Geist der Zeit wertschätzt der junge Theologe weniger die starre Neuscholastik und ihre systematische Strenge, sondern begibt sich auf die Spuren von Augustinus und Bonaventura, darüber hinaus liest er die unter konservativ denkenden Professoren umstrittenen französischen Theologen mit Leidenschaft und innerer Zustimmung. Durchwirkt ist die Darstellung des Lebensweges stets von liebevollen Reminiszenzen an das Elternhaus und an die bayerische Heimat, besonders an den Chiemgau. Nie jedoch versinkt Ratzinger ins Gemütvolle, mit dem stets wachen Intellekt schaut er geistige Inspirationsquellen, wozu nicht nur der zeitlebens verehrte Augustinus gehören, sondern spürbar ist auch, wie sehr er den einfach gläubigen Christen zugetan ist, seinen Zeitgenossen, ebenso freilich auch Bruder Konrad von Parzham oder Theresia vom Kinde Jesus.
Nachdem er 1981 nach Rom berufen wurde und 1982 sich von der Erzdiözese verabschiedete, wird in Ansprachen und Predigten die enge Zusammenarbeit und freundschaftliche Verbundenheit mit Papst Johannes Paul II. deutlich, der ihn unbedingt als Präfekt für die Glaubenskongregation an seiner Seite wissen wollte. Ratzinger spricht über ihn, so wie über viele andere, aber hier ganz besonders, mit tiefer Dankbarkeit, die vielleicht ohnehin das Wesensmerkmal seiner Person, ein Moment seines theologischen Denkens ist, eine Dankbarkeit, die von der Feier der Eucharistie, der Danksagung, hinausgreift auf die Menschen, die mit ihm auf dem Weg sind. Über den Dank sagt er, Geistliches und Weltliches verbindend, dass wir erfüllt sein mögen von Dank, nämlich von „Dank für das, was uns geschenkt wurde", und von „Dank auch für das, was uns genommen wurde".
Joseph Ratzinger hat beständig das Ganze im Blick, in der Kirche, die ihm „Heimat des Herzens" geworden und zeitlebens geblieben ist, in der Familie, unter Freunden, unter Klerikern wie Weltchristen. Die Heimatverbundenheit, die nicht nur irdisch gedacht ist, sondern zugleich himmlisch und persönlich, scheint immer wieder auf. Heimat hat einen konkreten, erdnahen und erdhaften Sinn, zur Heimat gehört für Ratzinger besonders die Kirche, die vor Ort ist, aber nur in der Gemeinschaft mit der Kirche aller Zeiten und aller Orte gedacht und erlebt werden kann. Zur Heimat gehören jene Menschen, die einander Obdach und auch Heimat schenken, das Gefühl der Zugehörigkeit und der Verbundenheit, das auch große zeitliche und räumliche Abstände überbrückt und schließlich die Heimat, die den gläubigen Menschen nach oben schauen lässt, in Freude und Dankbarkeit über das Zuhause-Sein bei Gott. Damit stehen diese vielfältigen, reichhaltigen und auch theologisch zutiefst wertvollen Betrachtungen und Darlegungen im Kontext von etwas Größerem, das der Mensch mit Sinnen und Verstand erahnen, aber nie ganz umfassen kann, und die ein Gegengewicht bildet zu dem Strudel der Beliebigkeit der Moderne, in der so viele nach Selbstverwirklichung trachten und nur auf sich selbst gestellt zu sein meinen, aber vielleicht, auch in ihrem Unglauben, einen Mangel verspüren, eine innere Einsamkeit, über die keine Ablenkung dieser Welt hinweghelfen, höchstens zeitweilig nur hinwegtäuschen kann. Wer dann beginnt, etwa Ratzingers Lebenserinnerungen zu lesen oder die Ansprachen und Predigten zu bedenken, der erkennt die Wegmarken eines zuinnerst dankbaren Menschen, der weder vergiftete Ironie kannte noch gallige Bitterkeit, sondern vom Gut-Sein spricht und weiß, dass ein jeder auch aus der Güte lebt und leben möchte.
Immer wieder lässt sich der Begriff Geduld in diesen Schriften entdecken, eine Geduld, die mitnichten leicht erworben sein muss, die aber von der Erfahrung sich nährt und mit der Erfahrung wächst. Die Geduld reift im Verborgenen, sie wächst auch im Alltag, denn jeder hektische Aktionismus erweist sich als unzulänglich, ebenso wie ein Handeln nach der bloß trostlosen Macht der Gewohnheit. Wer geduldig ist, weiß zu warten, aber auch aufzubrechen, wenn die Stunde gekommen ist. So war es für Joseph Ratzinger, als er die Professur im geliebten Regensburg aufgeben und den Ruf auf die Kathedra des Erzbischofs von München und Freising von innen heraus annehmen konnte, wollte und musste. So war es, als Johannes Paul II. ihn wenige Jahre später nach Rom berief – und so war es noch einmal, als er dann zu dessen Nachfolger auf dem Stuhl Petri erwählt wurde. In einem Interview anlässlich seines 75. Geburtstags wurde er 2002 gefragt, ob er sich nach mehr Ruhe sehne, und antwortet darauf ohne Umschweife: „Schon lange." Alle Leser, ob gläubig oder nicht, werden das gut verstehen, aber ebenso begreifen, dass Wunsch und Wirklichkeit sich oft nicht decken: „Aber ich habe auch gelernt, dass man die Dinge auf sich zukommen lassen muss. Man sollte nicht die eigenen Ideen über seine Berufung durchsetzen, sondern annehmen, was kommt. Je älter man freilich wird, desto mehr steigt der Wunsch nach Frieden auf. Ich hoffe, aber auch, dass er nicht mehr zu lang unbefriedigt bleibt." Diese Hoffnung trog, denn Kardinal Ratzinger ging noch auf ein Amt zu, das ihn ganz fordern sollte, bis zu seinem Amtsverzicht am 28. Februar 2013.
Eine „freudige Katholizität" bewahrte er sich, belebt und erfüllt von der „lebendigen Freundschaft mit Christus". Joseph Ratzinger hat im Glauben die „Melodie der Freude" – so sagte er es anlässlich des 50. Geburtstages eines Freundes – vernommen, sie war die Musik seines Lebens, der Glaube, der keine „düstere Ideologie" sei, sondern sich in den „Rhythmus des menschlichen Lebens" einfüge. Ratzingers persönlich adressierte Worte sind ein Bekenntnis: „Es wird sichtbar, dass Christentum im Letzten etwas ganz Einfaches, nicht eine unheimlich komplizierte Ansammlung von Vorschriften und Lehrsätzen ist, sondern das Ja-Sagen dazu: Du bist Gott und du bist da und du bist gut. Ich glaube an dich und ich glaube an das ewige Leben; denn an Gott glauben heißt an das Leben glauben. Er ist das Leben und er ist stärker als alle Zerstörungen und als die Macht des Todes."
Diese beiden hervorragend zusammengestellten Bände zeigen Wege zum Verständnis von Joseph Ratzinger auf, aber nicht nur. Sie bieten Einblicke in die Glaubensgeschichte des Christentums, zugleich Möglichkeiten, zu begreifen, was einfach gläubige Katholiken, die sehr gelehrt sein können, in der Welt von heute bewegt, was sie erfüllt und worauf sie hoffen. Joseph Ratzinger – Papst Benedikt XVI. hat sein ganzes Leben hindurch aus der Hoffnung gelebt. Zum Zweifel, das sagte er selbst einmal, fehlte ihm die Begabung. Viele Leser heute mögen trotzdem von Glaubenszweifel oder sogar der Gewissheit ihres Unglaubens bestimmt sein. Vielleicht sind sie trotzdem frömmer, als sie selbst zu denken wagen. Bei der berühmten Tübinger Vorlesung über die Einführung in das Christentum waren Hörer aller Fakultäten zugegen, darunter nicht wenige, die mit Gott haderten und trotzdem einfach neugierig waren auf die Darlegungen des jungen Theologieprofessors über die Frage nach Gott.
Besonders in Deutschland, auch wenn das aufs Ganze gesehen nicht viel zu sagen hat und nicht selten sogar ehrenvoll ist, schlug dem Theologen viel Kritik entgegen – galt er doch als konservativ. Wer Ratzingers Schriften liest, besonders auch die in diesen Teilbänden versammelten autobiographischen Texte, der wird erkennen, wie unzureichend politische oder kirchenpolitische Kategorien sind. Auf all das kommt es im Letzten nicht an. Auch ein bekennender Atheist, der Ratzingers Arbeiten liest, wird das glaubwürdige Zeugnis eines Menschen wahrnehmen, der von der Güte spricht und zutiefst dankbar ist, für das Geschenk des Lebens und für das Geschenk des Glaubens, für den Reichtum an lichtreichen Begegnungen und für die Weggefährten, die ihn auf dieser Welt unendlich bereichert haben. Joseph Ratzinger war ein zuinnerst ehrlicher, zutiefst dankbarer Mensch, im Glauben der Kirche verwurzelt. Auch darum dürften die in diesen geradezu monumental anmutenden Bänden gesammelten Beiträge jeden Leser berühren, ob er an Gott glaubt oder nicht. Wer sich auf das spirituelle Abenteuer der Lektüre einlässt, wird es nicht bereuen. Ratzingers Aus meinem Leben ist wie eine Symphonie des christlichen Glaubens.
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