Hoffnungsatem
Die Melodie der Poesie verbindet Horizonte, Denk- und Kulturräume. Die Dichtung erlaubt scheue Ausblicke auf die Transzendenz, ebenso wie die Vergangenheit in ihr gegenwärtig bleibt, schmerzhafte Erfahrungen aufscheinen und Pfade in die Geschichte anzeigen. Das „Jerusalem des Nordens“ liegt im Baltikum, in Litauen. Das jüdische Leben in Osteuropa bekommt in dieser Anthologie Facetten und Gesichter, nicht allein, weil die Sprachräume in ihrer Andersheit sichtbar werden, auf Litauisch, Hebräisch und Deutsch. Lassen sich Verse überhaupt übersetzen? Wer sich sprach- und schriftkundig der hebräischen Bibel, also dem Alten Testament, annähert, sieht bald, wie unzulänglich deutsche Übersetzungen sind. Die Vielschichtigkeit der Sprachen wird in diesem Band spürbar, die zarten Weisen der jüdischen Dichtkunst.
Sprache lässt sich schwerlich assimilieren – oder doch? Wir lesen von der Sorge, dass die Poesie aussterben könne, und wissen doch zugleich, dass diese Befürchtung wahrhaft eine lange Geschichte hat. Wenn niemand mehr „gedruckte Bücher oder Zeitschriften“ läse, so fürchtet ein lyrisches Ich, dann würden „keine Bäume mehr wachsen“. Der Leser weiß: Lyrik ist eigentlich nutzlos, pragmatisch gesehen, und darum durch nichts zu ersetzen. Von der Grausamkeit im „Athen des Nordens“ ist die Rede, wenn mit Wörtern geschlagen wird. Erinnerungen steigen auf, wie „weiß schimmernde Schollen aus der letzten Eiszeit“. Eine fromme Stimme formuliert, der „ganzen Schwachheit“ sich bewusst: „Ich lerne auszuharren, o Herr, und wie ich es lerne.“ Der Blick reicht zurück in eine blutige Geschichte, die unsichtbar bleibt, aber nicht vergessen werden kann. Dem Ausharren, dem Warten auf die Erlösung, scheint ein Trotz, eine gewisse Widerborstigkeit zu eigen zu sein – oder ist es doch nur die unbeirrbare Stimme des Religiösen, der inmitten der Ströme der Zeit glaubensvoll, vielleicht auch von Hoffnung erfüllt bleibt? Der Holocaust ist der Grundton so vieler Erinnerungen. Wird es ein „allerletztes Recht“, eine Rechtsprechung geben, bei der keine Berufung mehr möglich sein wird? Zweifel werden erkennbar, so dichtet Tomas Venclova:
„Am Fundament des allerletzten Rechts
Sind wir nur Lettern, Anmerkungen, Pläne.
Sind wir ein weißes Blatt Papier. Sind Asche.“
Doch in „kosmischer Glückseligkeit“ vermögen Verliebte noch immer, so kündet eine weitere lyrische Stimme, zu fliegen, der Wind klatsche „an den Saum des Kleides“, und schon reicht die Hoffnung hoch hinaus, manchmal auch noch höher. Tröstlich ist, wenn keine „uniformierten Männer“ auf den Straßen marschieren:
„Nur die Liebe bebt tosend unter der Haut.
Ich atme Hoffnung ein und Angst aus.
Von beidem ist gleich viel in mir.“
So dichtet Indrė Valantinaitė, die Herausgeberin dieses außergewöhnlichen Bandes, und schreibt im Nachwort über dieses „Buch der Hoffnung“: „Die Liebe und das Leben tragen immer dort den Sieg davon, wo Menschen sich mutig der Wahrheit öffnen.“ Diese Hoffnung darf man haben und hegen, sie ist vielleicht lebens-, ja überlebenswichtig, wie auch die Gedichte in dieser Anthologie zeigen, die aus vielen Perspektiven auf die jüdische Geschichte und Kultur in Litauen bezogen sind und Vergangenes neu zum Klingen bringen. Möge der Band eine einsichtige Leserschaft finden.
Aracoeli, regina incognita
Aracoeli handelt von der Suche nach den eigenen Wurzeln, die unweigerlich zur Selbstliebe führen müssen. Trotz Verlusten.
AracoeliTröstliche Horizonte und abgründige Ausblicke
Sirka Elspaß’ Gedichte führen in ein Spannungsfeld aus Glauben, Zweifel und existenzieller Suche. Eine Lyrik, die tröstet und verstört, die den Spiegel vorhält – und nicht loslässt.
hungern beten heulen schwimmenJuden wehren sich
Marek Edelmans Erinnerungen an das Warschauer Ghetto und den Aufstand der Bewohner.
Erinnerungen an das Warschauer Ghetto - Das Ghetto kämpft„Ein Ich, das querliegt zur Welt“
Michael Töteberg und Alexandra Vasa legen eine überaus informative und aufwendig recherchierte Biografie über Rolf Dieter Brinkmann vor.
Ich gehe in ein anderes BlauLyrischer Widerstand gegen Faschismus
Eine vorzügliche Sammlung antifaschistischer Lyrik von Peter Ulrich Lehner.
widerstand und freiheitskampfTräume von einem fernen Land
Das „ferne Land“ der Phantasie und Poesie, zuweilen auch der Erinnerung, besingt der gefühlvolle Poet Giovanni Pascoli wider alle Schwermut, mit der seine Gedichte bezeichnet sind.
Nester