Medien

Wider die gemachte Meinung

Aurel Schmidt ist "langjähriger Kulturredaktor der Basler Zeitung, heute freier Schriftsteller, Essayist und regelmässiger Kolumnist der ältesten Schweizer Internet-Zeitung OnlineReports.ch. Als solcher ständig allen Trends auf der Spur, aber dennoch mit feinem Gespür für die Fallstricke unserer Mediengesellschaft, unermüdlich recherchierend, abwägend - und hinterfragend." Auch wenn dies so im Klappentext steht (und somit wesentlich der Verkaufsförderung dient), besteht kein Zweifel daran, dass bei den in diesem Buch versammelten Texten ein Abwägender und Hinterfragender am Werk war, obwohl, derart ausgeprägt scheint sein "Gespür für die Fallstricke der Mediengesellschaft" eben doch nicht zu sein, sonst würde er seinen Beitrag "Gender Studies" wohl kaum mit "Die Gleichstellung der Geschlechter ist noch lange nicht vollendet, aber wir sind auf dem besten Weg dahin. Kürzlich meldete eine Zeitung: "Immer mehr Frauen schlagen ihre Männer. Auch Männer sind Opfer häuslicher Gewalt.’ Wie man sieht, werden gewaltige Anstrengungen unternommen" beenden, denn was Zeitungen melden (und Studien behaupten) ist das Eine, ob es stimmt, häufig etwas ganz anderes. Das Gleiche gilt für diesen Satz hier: "In den USA treffen sich Menschen an der Tankstelle, um für billiges Benzin zu beten ("prayer at the pump’)" - wie viele sind das? Und wo? Und wie oft? Das hätte man dann doch etwas recherchiert und hinterfragt gewünscht.

Aurel Schmidt ist ein sehr belesener Mann (seine zahlreichen Verweise auf Autoren und Bücher geben davon Zeugnis ab); die Texte, die er in diesem Band vorlegt, greifen die unterschiedlichsten Themen auf - von Alinghi über Darwin bis zur Katastrophenlust, vom Human Design über Lebenskunst bis zu Michel de Montaigne. Von Letzterem ist diesen Essays übrigens ein Zitat vorangestellt, dass da lautet: "Noch nie haben zwei Menschen gleich über die gleiche Sache geurteilt, und es ist unmöglich, zwei genau übereinstimmende Meinungen zu finden, nicht nur bei verschiedenen Menschen, sondern bei einem und demselben zu verschiedener Stunde." Klingt einleuchtend, nicht? Und schmeichelt unserem Ego - so besonders und einzigartig sind wir also, jede und jeder. Doch kann man das wirklich wissen?

Man lernt Einiges bei der Lektüre dieses Bandes. Das liegt nicht nur an den breiten Interessen des Autors, es liegt auch daran, dass er - er hat seine journalistischen Hausaufgaben gemacht, also recherchiert - viele nützliche, spannende und aussagekräftige Informationen zusammengetragen hat und in einer Dichte vorgelegt, wie man sie selten in Essays findet.

Ein Beispiel: "Das Alinghi-Team oder die "Alinghi-Family’ des Genfer Industriellen, Milliardärs und passionierten Seglers Ernesto Bertarelli wurde im Jahr 2000 gegründet. Es ist ein internationales Sportunternehmen mit Schweizer Kapital. Die 120 Angehörigen, Teilnehmer und Angestellten stammen aus 21 Nationen. Skipper 2003 in Auckland war der neuseeländische Regattasegler Russel Courts, der in den Jahren 1995 und 2000 Neuseeland zum Sieg verholfen hatte und 2003 mit dem Übertritt zu Alinghi dessen Sieg mitbegründete, was ihm in Neuseeland den Vorwurf des Verrats an seiner Heimat eintrug. Nach dem Erfolg verliess Courts Alinghi. An seine Stelle trat ein anderer "Kiwi’, Brad Butterworth, der als einer der erfahrensten Skipper der Welt gilt, viermal den America’s Cup gewonnen hat und 2007 der Schweiz zum Sieg verhalf. Der einzige Schweizer an Bord war Bertarelli selbst in der Funktion als Navigator. Wenn Calmy-Rey im Zusammenhang mit Alinghi von der "Schweiz’ spricht, kann sie daher nur das involvierte Kapital gemeint haben ..."
Und noch ein Beispiel, ein ganz anderes, wo die originelle Sicht- und Wortwahl überzeugt: "Mit dem Fernsehen haben wir, wie es der Ausdruck schon unterstellt, die Möglichkeit, in die Ferne bis nach Bagdad oder zum Hindukusch zu sehen, durch Wände hindurch und über Meere hinweg. Das ist ein Weitblick, der keinerlei nennenswerten Erkenntniszuwachs bringt. Die Distanzen sind aufgehoben, aber bei näherer Beobachtung müssen wir die ärgerliche Feststellung machen, dass wir nur den Bildschirm vor uns sehen …"

Aurel Schmidt kennt sich in vielerlei Gebieten aus, jedenfalls zitiert er aus ganz vielen, bunt durcheinander gemischten Quellen (von der Thermodynamik bis zur Bibel), und auch wenn einem diese geballte Demonstration von Bildung gelegentlich etwas arg viel wird, so ist eben gleichzeitig auch erfrischend, vorgeführt zu kriegen, dass Vertreter all dieser verschiedenen Wissensgebiete (so sie sich denn über Gott und die Welt Gedanken machen) letztlich eben gar nicht zu so wahnsinnig unterschiedlichen Folgerungen gelangen. So meinte etwa Werner Heisenberg über die Quantenphysik, dass die Welt sich eher als "eine Welt von Tendenzen oder Möglichkeiten als eine von Dingen und Tatsachen" darstelle. Das sehen viele Börsianer und Medienmenschen wohl auch so. Übrigens: Dass Schmidt unter Bezugnahme auf diesen Heisenberg-Satz schreibt: "Die Welt verschwindet in ihrer Anlage und ihren Möglichkeiten" legt den Verdacht nahe, er habe ihn nicht verstanden (vielleicht hat er sich aber auch ganz einfach verschrieben oder das Lektorat hat geschlampt), denn in ihren Möglichkeiten verschwindet die Welt gemäss Heisenberg ja gerade nicht.

Auch richtig ist falsch
Aurel Schmidt

Auch richtig ist falsch


Ein Wörterbuch des Zeitgeistes
Huber Frauenfeld 2009
180 Seiten, gebunden
EAN 978-3719315061

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