Literatur

Ein großer Autor im Stillen - Erinnerungen an Jörg Steiner

"Auch das könnte wahr sein - Hommage an den Geschichtenerzähler Jörg Steiner" macht jegliche Vorbehalte, die man gegenüber diesem Format der Ehrerweisung im Allgemeinen hegen kann, schon im Verlauf der ersten paar Seiten zunichte, belehrt eines Besseren. Denn wenn Hommagen bewirken, dass man sich noch während ihrer Lektüre in Buchhandlungen und Antiquariate stürzt und alles haben, ja, alles lesend verschlingen und nie vergessen will, was der im Januar 2013 verstorbene Jörg Steiner je geschrieben hat, und dabei merkt, einen der bedeutendsten Autoren der Schweiz zu wenig - wenn überhaupt - gekannt zu haben, dann ist die Hommage das bestmögliche aller Formate. "Auch das könnte wahr sein" ist das bestmögliche aller Formate.

Jörg Steiner, 1930 in Biel geboren, "war ein renommierter Autor, als es in der Schweiz noch keine renommierte Literatur gab", schreibt Peter Bichsel. "Die, die einmal im Schatten waren, ließ man im Schatten. Und in diesem Schatten schuf Steiner ein großes Werk. Er ist im Stillen ein großer Autor geworden - leider nur für jene, die ihn lesen." 1956 veröffentlichte Steiner, gelernter Drogist und Lehrer, den Gedichtband "Episoden aus Rabenland", 2008 die letzte Erzählung "Ein Kirschbaum am Pazifischen Ozean" - dazwischen erschienen zahlreiche Romane, Gedichte, Geschichten für Kinder und Erwachsene, Erzählungen. Sein umfangreiches Werk wurde unter anderem mit dem Literaturpreis der Schweizerischen Schillerstiftung (1995), dem Berliner Literaturpreis (1998) und dem Max-Frisch-Preis der Stadt Zürich (2002) ausgezeichnet.

Davon, dass es neben dem schreibenden Steiner auch den politisierenden Steiner, den herzlichen Menschen und treuen Freund Steiner gab, berichten 22 Autorinnen und Autoren in vielfältigen Beiträgen. Ihre Verbundenheit zum Dichterfreund ist immer gegenwärtig und spürbar. "Jörg Steiner besaß diese Gabe zur Freundschaft", schreiben die beiden Herausgeber Rolf Hubler und Hans Ruprecht im Vorwort, "die jeden im Wissen, dass dem nicht so ist, trotzdem denken ließ: Ich bin, hier und jetzt, der Einzige." Einzigartig war denn auch die Freundschaft zwischen Jörg Steiner und Peter Bichsel, rührend die drei Beiträge von Bichsel selbst, herzerwärmend und lustig die vielen Hinweise anderer Schreibenden auf das Freundespaar, das sich während dreißig Jahren jeden Donnerstag in Biel getroffen hat. "Wir spielten dabei eigentlich von Anfang an die alten Männer, denen die Welt fremd geworden ist", so Bichsel. "Wir jammerten und spotteten und blödelten und wurden dabei Woche für Woche älter, bis wir alt waren."

"Erzählen heißt leben gewinnen", liest man im 2005 erschienenen Geschichtenband "Mit deiner Stimme überlebe ich" - erzählend schafft Steiner denn auch kleine Kosmen, ändert ab, erzählt neu: eine Wahrheit, die sich verändert. "Würde sie sich nicht verwandeln, wie alles, was lebt", so der Protagonist Goody im Roman Wer tanzt schon zu Musik von Schostakowitsch (2000), "müsste man sagen, die Wahrheit sei tot" oder "dass die Wahrheit eine Geschichte ist, heute eine andere als morgen, ist nur natürlich."

Wo ein Ende ist, ist auch ein Anfang. Lesen Sie Jörg Steiner.
"Ein Messer für den ehrlichen Finder" (1966), rät Pedro Lenz, "Schnee bis in die Niederungen" (1973), empfiehlt Anne Weber. Peter Bichsel stellt "Wer tanzt schon zu Musik von Schostakowitsch" an den Anfang, die Geschichte des ungleichen Bruderpaars, wo sich der jüngere Bruder nach dem plötzlichen Verschwinden des älteren Bruders Goody, in dessen Wohnung einnistet und schriftlich festhält, was Goody gesagt, getan und erfunden hat. Eifersucht und Liebe konkurrenzieren miteinander, taten es seit der Kindheit: Goody wuchs bei den Eltern auf, der jüngere Bruder in einem Kinderheim. Gewisse 'Dinge lassen sich leichter belegen als erzählen'.

Oder lesen Sie einfach "Auch das könnte wahr sein - Hommage an den Geschichtenerzähler Jörg Steiner", denn noch während der Lektüre stürzen Sie sich in Buchhandlungen und Antiquariate, wollen alles haben, alles lesend verschlingen und nie vergessen, was Jörg Steiner je geschrieben hat. Bestimmt.

Auch das könnte wahr sein
Rolf Hubler (Hrsg.)
Hans Ruprecht (Hrsg.)

Auch das könnte wahr sein


Hommage an den Geschichtenerzähler Jörg Steiner
Rotpunktverlag 2014
160 Seiten, gebunden
EAN 978-3858696144

Das Wesen des Steuerrechts

Wer sich das Steuerrechts fundiert und ambitioniert erschließen möchte, oder sich auch nur mit steu­errechtlichen Einzelfragen der Praxis im kritischen Kontext mit der Systematik der gesamten Steuermaterie auseinandersetzen will, der kann und will um dieses Werk schlichtweg nicht herumkommen.

Lesen

Eine Zukunft für Familienunternehmen

Eine Orientierung über Chancen- und Risikopotenziale der für Familienunternehmen charakteristischen Muster und eine Hilfestellung für betroffene Familien, Management und Beratung. Mit ausführlichen Fallstudien.

Lesen

Angst vor der Angst

Die ersten zwei Staffeln nach dem Erfolgsroman Roberto Savianos sind bei Polyband als Box erschienen. Zwei weitere Staffeln folgen demnächst.

Lesen

"Bedenke, dass du sterben musst."

Ein höchst unterhaltsames und wunderbar lebenskluges Buch.

Lesen

Umfangreiche Projektschau der Analogen und Altneuen Architektur

Das Buch nimmt den Leser mit auf eine stimmungsreiche Reise in eine Architekturwelt, die durch Materialität, Licht, Kontext und Alltag entsteht und beim Betrachten Erinnerungen und Bezüge hervorruft.

Lesen
Stolz und Vorurteil
Aus der nahen Ferne
Die Mutter
Nacht
Sommerlügen
Lila, Lila
Doktor Schiwago
Im Westen nichts Neues
Mein Name sei Gantenbein
Fever
Die stumme Bruderschaft
Hundert Jahre Einsamkeit
by rezensionen.ch - 2001 bis 2018