Atta Kim: On Air: Eighthours

Alles ist im Fluss

Der buddhistische Lehrsatz der höchsten Weisheit besagt Folgendes: "Form ist nicht verschieden von Leerheit, Leerheit ist nicht verschieden von Form." Dieses Prinzip zum Erreichen des jenseitigen Ufers der Weisheit ist das prägende Leitmotiv, das den Fotografien in "ON-AIR: EIGHTHOURS" des koreanischen Künstlers Atta Kim zugrunde liegt. Die Fotografien zeigen alle eine von allem Flüchtigem und Vorübergehendem natürlich bereinigte urbane Landschaft; natürlich bereinigt insofern, als dass jede Aufnahme mit einer Belichtungszeit von acht Stunden gemacht wurde und damit vorbeifahrende Autos und passierende Menschen auf dem Zelluloid nicht festgehalten sind. Alles, was sie hinterlassen, ist ein bläulicher, grauer oder gelbbrauner Schleier auf den Straßen, je nachdem, wo die Bilder aufgenommen wurden.

aus Atta Kim: On Air - Eighthours
aus Atta Kim: On Air - Eighthours
aus Atta Kim: On Air - Eighthours
aus Atta Kim: On Air - Eighthours

Die hier versammelten Langzeitfotografien sind nur ein Teil des großen ON-AIR-Projekts des Koreaners. Neben "EIGHTHOURS" existieren noch die Projekte "MONOLOGUE OF ICE" und "SUPERIMPOSITION". Immer geht es um das Schmelzen, sei es, indem er das Zerfließen von gefrorenen Objekten dokumentiert (Monologue of Ice), wenn er mehrere Fotografien zu neuen verbindet (Superimposition) oder eben Augenblicke, Sekunden, Minuten und Stunden auf eine Aufnahme reduziert. All seine Arbeiten beruhen auf der Überzeugung, dass alles miteinander in Verbindung steht und seine Berechtigung in dieser Welt besitzt. Dabei eckt er immer wieder mit der buddhistischen Kultur seiner koreanischen Heimat an, provoziert dies geradezu. Immer wieder zwingt Atta Kim seine Anhänger zum Hinschauen, z. B. wenn er hunderte Porträts zu einem einzigen Verschmelzen lässt. Oder wenn er Prostituierte oder Kriegsversehrte museal in Plexiglaswürfeln ausstellt. "All objects have their own raison d’être" - Alles hat seine Daseinsberechtigung, so kommentierte er selbst seine Arbeiten.

Zum Hinschauen zwingt er den Betrachter seiner Bilder in "EIGHTHOURS" auf eine ganz andere und neue Art. Während Fotografie normalerweise ein bestimmtes Objekt oder Subjekt im Vordergrund fokussiert, verschwinden diese in seinen neuen Bildern geradezu geisterhaft und der Blick des Lesers wird auf den Hintergrund, die Kulisse, das Panorama gelenkt. Fotografie hält hier nicht mehr den besonderen Moment fest, sondern wird zum Spiegelbild des Statischen, scheinbar immerwährenden. Die Tausenden einzigartigen Augenblicke, die Kim in den acht Stunden vorbei ziehen lassen musste, verschmelzen zu einem mythischen Dunst, einem geradezu ikonisch aufgeladenen Schleier, dessen Inhalt der Betrachter nun für sich ausmalen kann.

Die in Berlin, Delhi, Paris, Prag, Peking, Schanghai und anderen chinesischen Orten aufgenommenen Bilder sind zwar menschenleer, von dem Leben, das sie beherbergen, erzählen sie dennoch. Die fast verschlafene Ruhe in der Prager Altstadt ist auf den menschenleeren Bildern ebenso zu erkennen, wie die geschäftige Hektik am Big Apple. Er zeigt, dass China noch einen gewaltigen Spagat machen muss, um Tradition und Moderne zu versöhnen, während die geschichtsbewussten Franzosen diese in der Architektur ihrer Hauptstadt bereits miteinander versöhnt haben. Der Berliner Ordnung steht das indische Chaos in Delhi gegenüber - trotz Langzeitbelichtung oder vielleicht auch gerade deshalb.

Mit seinen Bildern reflektiert Atta Kim auch klug die Schnelllebigkeit und Hektik der Moderne, in der nichts mehr Platz zu finden scheint, was Zeit und Raum zur Entfaltung benötigt. Diesen Dingen räumt er nun die notwendige Zeit ein, um aus dem Hintergrund wieder in den Vordergrund zu treten und dem ständigen Fluss der Ereignisse zu entrinnen. Während alles, was vergänglich ist, ungesehen durch seine Aufnahmen eilt und als Luftgespinst im Nirvana der Welt verschwindet, werden allein die Dokumente des menschlichen Schaffens monumental auf seinen Fotografien festgehalten. Die vorübergehenden Dinge lösen sich in einem Nebelfluss auf und hinterlassen nichts als die Kulissen unsers Lebens. Allzu oft geraten diese in Vergessenheit, uf Atta Kims langzeitbelichteten Bildern sind sie hingegen in einzigartiger Schönheit festgehalten und bezaubern mit ihrer Ruhe und Präsenz, in der sie uns Atta Kim präsentiert.

On Air: Eighthours
On Air: Eighthours
168 Seiten, gebunden
EAN 978-3775723756

Ulrich Wüsts Fotografien

Die erste Monografie über Ulrich Wüst, verfasst von Gary van Zante, präsentiert 16 fotografische Serien von 1978 bis 2019. Sie gibt einen umfassenden Einblick in Wüsts Arbeit.

The Presence of Something Past

Eine Fotografie und seine Wirkung

Eine interessante Buchreihe des Schirmer/Mosel-Verlages widmet sich ikonischen Fotografien und ihren Interpretationen.

Blick von Williamsburg, Brooklyn, auf Manhattan, 11. September 2001

Edward Hopper: Fenster in die amerikanische Seele

Edward Hopper wurde zum ikonischsten Maler Amerikas und gemeinhin zum Begriff von dem, was wir uns unter "Amerika" vorstellen ...

Edward Hopper New York

Mehr Seele in der Architektur

Durch seine schräge Herangehensweise schafft das Buch einen Raum für neue Ideen und öffnet die Tür zu einer Architektur, die die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen berücksichtigt.

KUNST BAU PUNK

Die Sprache ihrer Bilder

Die Fotografin Inge Morath wäre 2023 100 Jahre alte geworden. Eine Ausstellung und ein hochwertiges Fotobuch ehren die Künstlerin

Inge Morath

This is Patti Smith

Durch das Jahr mit Patti Smith: auf 365 Tage zaubert die amerikanische Poetin und Rock-Ikone ihre Tableaus, jeder Tag einzigartig.

Buch der Tage