Aracoeli, regina incognita
Der letzte Roman von Elsa Morante (1912–1985) erschien 1982, in der deutschen Übersetzung dann erstmals 1984, also vor rund 40 Jahren. Die Liebe eines Sohnes zu seiner Mutter wird ihm dermaßen zur Obsession, dass er an ihren Geburtsort reist, um Antworten auf seine Fragen zu bekommen.
Seine Mutter war Andalusierin und ihre Eltern hatten beide den gleichen Nachnamen. Manuel Muñoz Muñoz ist der Bruder von Aracoeli, sein Onkel, nach dem auch er benannt wird: Vittorio Emanuele Maria. Manuel, der Protagonist, ist inzwischen 43 Jahre alt geworden, und er hat sich sein ganzes Leben lang nur nach einem verlangt: geliebt zu werden. Aber mit fortschreitendem Alter hat er jedes Verlangen aufgegeben, doch Schuld und Schande sind geblieben. Schon als Kind, als er eine Brille bekam, begann er, sich hässlich zu fühlen, und dieses Gefühl ist ihm seither geblieben. Er bewundert seine Mutter Aracoeli wie eine Heilige, aber sie wurde durch eine nicht näher definierte Krankheit zur Hure. Nach dem Verlust ihres zweiten Kindes, einer Tochter, beginnt sie sexuelle Ausschweifungen mit fremden Männern, obwohl sie einen Ehemann und einen Sohn hat. Heute würde man das wohl Schwangerschaftspsychose nennen, aber darum geht es nicht. „Und was für ein Spiel war das, ein schändliches Weib von sich zu stoßen und ihm gleichzeitig wie ein Märtyrer sein eigenes Leben zu Füßen zu werfen?“ Seine Reise von Rom nach Andalusien führt ihn in den Geburtsort der Muñoz Muñoz, aber die eigentliche Antwort auf seine Suche bekommt er erst, als er seinen Vater, Eugenio Ottone Amedeo, ein letztes Mal zu sehen bekommt.
Der (versteckte) Garten der Liebe
Elsa Morante unterbricht ihren Text mit Gedichten und Kinderliedern, die seine Mutter ihm vortrug oder vorsang. So entsteht eine heimelige Atmosphäre der Kindheit, zu der wir uns alle – je älter wir werden – heimlich zurücksehnen. Für seine soziale Stellung als Bourgeois schämt sich der Erwachsene, hatte er als Kind doch heimliche Sympathien für Anarchisten wie seinen Onkel Manuel, der im Spanischen Bürgerkrieg auf der richtigen Seite kämpfte. Seine beiden einzigen sexuellen Erfahrungen mit Frauen führen lediglich zum Erleichtern seines revoltierenden Magens. Später wird er homosexuell und wünscht sich eher Ware denn Käufer zu sein. Immer wieder blitzen Erinnerungen aus der Kindheit auf, die er bald als „gewaltsame Rekonstruktion“ bezeichnet, das heißt „eine von meiner realen Vernunft fabrizierte, ohne Hilfe meiner Erinnerung“. An einer Stelle wird das Gewirr in seinem Gehirn besonders deutlich, wenn Morante dies in einem Monolog mit folgender Rollenverteilung illustriert: A wie Anklage, B wie Verteidigung, XYZ wie Auditorium und C wie Angeklagter. Am Ende des Monologs steht dann: Es mag erscheinen, als seien die Erinnerungen Produkte der Fantasie, während in Wirklichkeit die Fantasie stets das Produkt der Erinnerungen ist. „Mein Herz schlingerte hin und her, dass ich das Gefühl hatte, es müsse an der Wirbelsäule zerschmettern“, delirierte sich der Protagonist durch seine Katzentour genannte Reise ins Herz der Finsternis.
Erinnerung: violente Rekonstruktion
„Ein sich repetierendes Selbstgespräch – als liefe es keuchend in deinem Labyrinth sich selbst hinterher“, so kommentiert er seine Tante Raimonda und weiß doch, dass auch er selbst einer Illusion unterliegt: „Man gibt sich vielleicht der Illusion hin, eine Rückkehr im Raum könne auch eine Rückkehr in der Zeit bedeuten.“ Aber nein, die Kindheit ist für immer vergangen. Nicht einmal eine „gewaltsame Rekonstruktion“ kann sie zurückbringen. Elsa Morante hat sich in ihrem Roman tief in die Gedanken eines Mannes versenkt, der sich sein Leben lang nach nichts anderem verzehrte, als geliebt zu werden, und am Ende lernt, sich selbst zu lieben.
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