Dreidimensionales Leben
Es liegt Jahre zurück, dass ich Anna Quindlens "Kein Blick zurück" gelesen habe - obwohl keine Erinnerung an den Inhalt, weiss ich noch, dass es mich packte, ich es mir in einem Zug reingezogen habe. Ein paar Stellen habe ich mir angestrichen. Hier ist eine:
"Der ist auf dich scharf", sagte Cindy. "Das ist alles, was ich dazu zu sagen habe. Aber echt."
"Ach, hör doch auf", sagte ich. "Er ist ein Freund. Einfach ein guter Freund. Frauen können auch Männer zum Freund haben."
"Na ja, mein Herzchen, das ist gut und schön, aber wenn unser Herrgott gewollt hätte, dass Frau und Mann Freunde werden, hätte er dafür gesorgt, dass sie etwas gemeinsam haben."
Ich mag Quindlens Humor, ihre sehr menschliche, pragmatische und wache Sicht auf die Dinge. Und ich finde sie auch wieder in "Ein Jahr auf dem Land".
"'Hey, Sarah', rief jemand. Rebecca fragte sich, wie lange die Frau sonst wohl noch weiter geredet hätte. Vermutlich sehr lange. Sie schien zu den Frauen zu gehören, die keine Stille ertragen können, ohne sie zu füllen."
Die 60jährige Fotografin Rebecca Winter zieht für ein Jahr aufs Land, aus wirtschaftlichen Gründen. "Sie hatte eine Abmachung mit sich getroffen. Sie würde so lange hier im Exil wohnen bleiben, bis sie es sich wieder leisten konnte, in ihr altes New York zurückzukehren."
Das Landleben hält einige Überraschungen bereit. "Hier gab es eine ganze Welt, von der sie nicht die geringste Ahnung hatte. Wild ausnehmen. Ausgussbecken. Klärgrube. Ein Sprache, die ihr bisher nur in den grossen amerikanischen Romanen des 19. Jahrhunderts untergekommen war."
Sie freundet sich mit einem 16 Jahre jüngeren Dachdecker an, der nach einer gemeinsam verbrachten Nacht, aus ihr zu dem Zeitpunkt nicht bekannten, dramatischen Gründen, wegbleibt ...
Sie fällt in ein noch grösseres Loch als das durch ihre Scheidung, den Sohn, dessen Umgang mit Freundinnen sie an ihren Ex-Mann erinnert, die demente Mutter, den mit sich und seiner Geliebten beschäftigten Vater, ausbleibende Aufträge und ihren stetig sinkenden Kontostand, verursachte.
Anna Quindlen ist eine äusserst begabte Erzählerin, die es zudem hervorragend versteht, eine Geschichte spannend zu strukturieren. Mit "Ein Jahr auf dem Land" hat sie ein einfühlsames Buch über das Älterwerden geschrieben - wie man sich befreien, eine Neuorientierung wagen kann. "Die Leute nagelten einen fest, dachte Rebecca oft, wenn sie durch den Wald stapfte. Mehr noch, man nagelte sich selber fest, oft auf eine Persönlichkeit, die einen im Grunde gar nicht interessierte. Man hatte also die Wahl ...". Auch die, wenn man glücklich und bei sich ist, keine Rationalisierungen liefern zu müssen:
"Was in aller Welt ist mit dir passiert?"
"Ich weiss es nicht. Und es ist mir auch egal."
"ich bin neidisch", sagte Dorothea
"Ein Jahr auf dem Land" ist auch ein Buch über Fotografie. Genauer: über die Berufserfahrungen einer Fotografin. So erfährt man etwa, dass, im Gegensatz zur Digitalfotografie, wo man sofort sah, ob man seine Zeit verschwendete, man beim Film länger hoffen konnte, "so lange, bis sich die Umrisse unter der schillernden Oberfläche der Flüssigkeit im Entwicklungsbad abzeichneten." Und man nimmt verblüfft zur Kenntnis, dass die Arbeit von Rebeccas männlichen Kollegen entweder aus körperlichen Strapazen bestand oder sich der persönlichen Genialität verdankte - während sie selber ihre besten Arbeiten "als zufällig und unmittelbar" empfand. Hier noch ein schöner, zum Nachdenken einladender Satz: "Es waren Fotos, die man erklären musste, und folglich Fehlgriffe." Und gerade noch einer: "Sie hatte gelernt zu erkennen, wie die Dinge aussahen, aber nicht, was sie wirklich ausmachte. Dieses dreidimensionale Leben hier war etwas völlig anderes." (Ein Satz, der im Verlaufe der Geschichte noch eine ganz unerwartete Bedeutung annehmen wird, die aber hier nicht verraten werden soll).
Fazit: ein zutiefst menschliches Buch, dramatisch und bewegend, zum Schmunzeln und zum Nachdenken einladend, anrührend und inspirierend, ein Genuss!
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