Politik

Andere Perspektiven für Island

"Was bleibt, wenn alles verkauft wird", fragt der Untertitel dieses Buchs, und wenn man auf die Geschehnisse blickt, die in Island gerade vor sich gehen, ließe sich resigniert antworten: nicht viel. Derjenige, der diese provokative Frage stellt und selbst beantwortet, ist der isländische Autor Andri Snær Magnason. Zuhause bekannt geworden durch sein Engagement für die Volkspoesie - manchen gilt er als der verspätete Alan Lomax - ist er bisher vor allem als Lyriker und Kinderbuchautor hervorgetan. Das dokumentarische Sachbuch "Traumland" ist sein erster Vorstoß in die gesellschaftskritische Sphäre.

Wer sich mit Island und der Mentalität der Inselbewohner auskennt, vielleicht sogar die Anstrengung unternommen hat, das Isländische zu erlernen, den wird Magnasons erste These, die Sprache trage zur Verdummung der Bevölkerung und zum Verschleiern der Vorgänge bei, zunächst vor den Kopf stoßen. Das Isländische, durch jahrhunderte lange relative Abschottung von dem Sprachmoden Kontinentaleuropas, hat sich bis heute eine Urtümlichkeit bewahrt. Die Isländer selbst übernehmen nie einfach Worte aus anderen Sprachen. So wie das Deutsche den Computer und das Video als Lehnworte übernommen hat, sprechen die Isländer von Rechner und dem Filmband. All dieses Bewusstsein schützt jedoch nicht, wenn die Sprache dazu gebraucht wird, Sachverhalte gezielt zu verschleiern und im Interesse einiger weniger einzusetzen. Genau dieses Fazit zieht Magnason in der Betrachtung der Energiepolitik. Island gilt gemeinhin als fantastisches Urlaubsland mit Vulkanen, Gletschern, Geysiren und einer einzigartigen Natur. Auch dringt bis in unsere Breiten mittlerweile die Kunde von dem unglaublichen Energiereichtum der Isländer vor und das Land rückt in den Fokus industrieller Verwendungsmöglichkeiten.

Die Energie ist neben dem Fischfang zentraler Motor für das industrielle Fortkommen der kleinen Nation, wenn man den Hochglanzpublikationen der Regierung und der Energieversorger glaubt. Insgesamt gehen diese von einer verwertbaren Energiemenge von 30 TWh aus, wenn man alle Flüsse des Landes anzapfen würde. Diese Idee, die bereits seit den 1950er Jahren auf der Insel im Gespräch ist, führt offizielle Stellen dazu, von den niedrigsten Energiepreisen der Welt zu sprechen. Logisch, dass das Begehrlichkeiten weckt.

Vor allem die energieintensive Aluminiumsindustrie, die zum Herstellen des Metalls aus dem Rohstoff Bauxit in der Elektrolyse pro Kilogramm Aluminium durchschnittlich etwa 15 kWh Strom verbraucht, muss sich angesichts einer gestiegenen Nachfrage nach Aluminium und steigender Produktionskosten nach Möglichkeiten der Herstellungskostenreduktion umsehen. Auf den Radar gelangte dort schon früh Island. Um zukünftig noch mehr Aluminiumproduzenten anzulocken, hat die isländische Regierung in der Vergangenheit immer wieder grünes Licht zu Projekten gegeben, die Staudämme in Naturschutzgebieten vorsehen und für die Zerstörung wichtiger Vogelreservate sorgen. Andri Snær Magnason zählt eine Reihe von Argumenten auf, die gegen den weiteren Ausbau der Stromproduktion sprechen. Von den klassischen, auch bei uns bekannten Gründen der Umweltzerstörung bis hin zu gesellschaftlichen Argumenten, nachdem die Unternehmen auf lange Sicht die einzigen Gewinner des Ausbaus sind. Dabei bleibt er aber nicht bei der grundsätzlichen Verweigerung stehen. In alternativen Konzepten wirft Magnason Perspektiven auf, wie sich Island auch ohne die energieintensive Aluminiumindustrie entwickeln könnte. Rettung sieht er dabei vor allem in der Kreativität: die Aufwertung und Unterstützung junger Betriebe im Dienstleistungssektor versteht er als Alternative zur Industrie. An dieser Stelle jedoch tauchen Probleme auf. So verständlich seine Analyse auch ist - und in Island hat Magnason ein breites positives Echo selbst in Zeiten der Wirtschaftskrise gefunden - so stark verhaftet ist sie doch immer mit dem Einzelphänomen. Er geißelt betriebswirtschaftlich denkende Entscheider im Anfang des Buches pauschal als Apologeten des Untergangs, blendet aber die Analysemethoden dieser Wissenschaft für sein Thema aus. Er interpretiert die Ökonomie als reine Abwägung des eigenen Nutzenmaximums bei völligem Ausblenden gesellschaftlicher und ökologischer Folgen des eigenen Handelns. Es spricht einiges dafür, dass ebensolche Denkweisen das Handeln von Konzernen wie Alcoa, RUSAL und Konsorten kennzeichnet, in der Analyse bei dieser Erkenntnis stehen zu bleiben, ist allerdings schwierig. Völlig zu Recht weist Magnason auf die Gefahr hin, die für einen Staat dann entsteht, wenn man sich von einem einzelnen Unternehmen oder einer einzelnen Branche wirtschaftpolitisch abhängig macht. Erkenntnisse aus der Makroökonomie, dass eine ausgewogene Gewichtung der Sektoren Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistung der langfristigen wirtschaftspolitischen Absicherung am zuträglichsten ist, fehlen leider.

Fest steht nach der Lektüre eines: Andri Snær Magnason hat mit "Traumland" ein Buch geschrieben, das am derzeitigen Buchmarkt die Stimmung in der isländischen Gesellschaft am besten wiedergibt. Vor allem ist dies der Tatsache geschuldet, dass das Buch wahrscheinlich nie für Übersetzungen gedacht war - so und nicht anders kann man den Teil über die US-amerikanische Truppenstationierung auf der Insel verstehen - und so auch wenig versucht, grundlegend in die Mentalität der Isländer einzuführen. Magnasons Buch ist ein Zeugnis aus dem Kampf gegen eine blinde Industrialisierung eines Landes und im besten Falle verhindert es das Wiederholen von irreversiblen Fehlern, die wir Kontinentaleuropäer an unseren Industriebrachen und verödeten Landschaften tagtäglich sehen können.

Traumland
Andri Snær Magnason
Stefanie Fahrner (Übersetzung)

Traumland


Was bleibt, wenn alles verkauft ist?
Orange Press 2011
Originalsprache: Isländisch
285 Seiten, broschiert
EAN 978-3936086539

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