Bedrohung und Schuld
Er heißt Gabor Lorenz, ist ein erfolgreicher Neurologe an einer Klinik in Berlin und hat lange über Demenz geforscht. Denn sein Plan ist seit langem, zum Professor ernannt zu werden. Wohl auch deshalb hat er vor einigen Jahren sein Forschungsgebiet gewechselt und arbeitet nun zu den verschiedenen Formen der Gesichtsblindheit, der Prosopagnosie.
Er ist glücklich verheiratet, hat eine etwa 14-jährige Tochter namens Nele und einen noch kleinen Sohn, der den Kindergarten besucht. Seine Frau Berit verdient seit einiger Zeit als Erbenermittlerin gutes eigenes Geld, das aber im Haus von Gabor noch nie wirklich gefehlt hat. Seit langen Jahren fahren sie im Sommer auf eine griechische Insel, auf der sie ein Haus besitzen, auf das den Rest des Jahres ein befreundetes englisches Ehepaar aufpasst.
Gabor liebt diese Aufenthalte auf der Insel und er hat es sich zur Tradition gemacht, während des Urlaub mehr oder weniger poetische Postkarten an seine Frau zu schreiben, die er dann, zurück in Deutschland, peu a peu an sie zustellt.
So könnte es auch dieses Jahr sein, wäre die Insel nicht seit einigen Wochen Zufluchtsort von Hunderten von Flüchtlingen aus Afrika und anderen Ländern, unter denen es sich herumgesprochen hat, dass die Inselbewohner, um sie schnell loszuwerden, die Fährgesellschaft dafür bezahlen, sie nach Athen mitzunehmen, von wo aus sie leichter nach Westeuropa zu kommen hoffen.
Bei der Abreise seiner Familie nach einem entspannten Urlaub sieht Gabor an der Fähre, wie ein solcher Flüchtling sich im Unterdeck der Fähre in einem Laster verstecken will, folgt ihm (warum eigentlich, fragt sich der Leser bis zum Ende) und wirft dem vor ihm weglaufenden jungen Mann einen Beutel mit Proviant hinterher. Er weiß in diesem Moment nicht, dass sich in dem Beutel auch die an seine Frau adressierten Postkarten befinden.
Als nach einigen Tagen in Berlin eine erste Postkarte eintrifft, die in Modena, wo er bei der Landung den Flüchtling in den Händen der Polizei gesehen hatte, abgestempelt ist, und wenig später eine zweite in München eingeworfene, da weiß Gabor Lorenz, dass dieser Flüchtling auf dem Weg zu ihm ist.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt entwickelt die von Andreas Schäfer, der selbst griechische Wurzeln hat, klug und spannend aufgebaute Handlung eine immense Sogkraft, die den Leser nicht mehr aus ihrem Bann lässt. Gabor Lorenz, vorher die Ruhe in Person und sowohl privat als auch im Beruf auf beiden Beinen stehend, wird zu einem Nervenbündel, dem alles aus der Hand zu gleiten droht. Überall wittert er, meist mit guten und nachvollziehbaren Gründen, die fantasierte Rache des Flüchtlings, den er auf seinen Fersen wähnt.
Seine Familie und seine Kollegen sind noch dabei, mit dieser schwerwiegende Verhaltensänderung von Gabor zurechtzukommen und sie zu interpretieren, da verschwindet Nele spurlos. Für Gabor ist klar: sie befindet sich in den Händen jenes Mannes auf dem Laster…
Andreas Schäfer ist es gelungen, einen individuellen psychischen Konflikt mit einer gesellschaftlichen Problematik zu verbinden und daraus eine enorme Spannung abzuleiten. Doch obwohl das Thema Migration und die heimliche Furcht des deutschen Bürgertums vor dem Verlust seiner Privilegien durchaus immer wieder durchscheint, ist es nicht das Hauptthema. Hauptsächlich geht es um die Angst und die Bedrohung, wenn einem das eigene Leben, die Familie und der Beruf langsam aus den Händen zu gleiten scheinen.
Ein spannendes und sprachlich gelungenes Familiendrama über Bedrohung und Schuld.
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