Politik

Marxistische Gourmets

Der Eine oder die Andere Rezipient(in) des an dieser Stelle zu lesenden Textes zeigt sich möglicherweise in der Vergangenheit jugendsündengeschuldet kommunistischen Ideen als auch selbigen Parteien recht aufgeschlossen. Solches Verhalten gehörte exemplarisch in den 1960er und 1970er Jahren in der miefig-konservativen BRD mit all ihren "demokratisierten" Altnazis mainstreammäßig sogar zum guten Ton vieler heranwachsender Kleinbürger aber auch ehrlicher Menschen. Ganz hartgesottene und/oder moralisch gefestigte Bürgerinnen und Bürger sind auch nach den diversen sozialistischen Untergängen in Folge des Machtmissbrauchs Michail Gorbatschows - dem NATO-gefüllten Trojanischen Pferd in den Reihen der KPdSU der UdSSR - und den daraus resultierenden Vorgängen des Jahres 1989 den marxschen Erkenntnissen treu geblieben. Nicht aus Sturheit oder Trotz, nicht aus Verbohrtheit oder Unverbesserlichkeit, sondern in erster Linie mit Blick darauf, dass der real existierende Kapitalismus wohl bei weitem nicht das Gelbe vom Ei sein kann, welches er beispielsweise den damaligen Bürgerinnen und Bürgern der DDR erfolgreich vorzugauckeln versuchte. Wer allerdings die Macht- und Ränkespiele in den verblichenen oder noch bestehenden kommunistischen oder anderen humanistschen Parteien miterlebt hat oder sich - ohne platter Propaganda bürgerlicher Herkunft ausgeliefert sein zu wollen - dafür interessiert und gleichermaßen dem Genuss leckeren Essens nicht ganz abgeneigt ist, der sollte zu dem im Eulenspiegel-Verlag wiederauferstandenen Titel "Die Partei der Knoblauchfreunde" aus dem Jahre 1985 greifen. Auch schlichte Feinschmecker, denen alleine Begriffe wie Sozialismus oder Schlimmeres den Appetit zu vererben drohen, gebührte es, seien sie auch vom Prinzip her knoblauchfeindlich eingestellt, den Griff zu besagtem anrüchigen Titel nicht zu scheuen.

In diesem Werk versammelt André Müller vier bekannte Erzählungen und ein Theaterstück in einem Band. Der Autor, bis 2001 Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei (er verließ die gebeutelte Organisation nicht aus opportunistischen Gründen, wie viele andere, sondern da er der Ansicht war, die Partei nähme mehr und mehr revisionistische Züge an), zeichnet sich bis heute gleichermaßen als überzeugter Marxist als auch Gourmet aus. Beides ist eben, im Unterschied zu Ansichten flachgeistiger Zeitgenossen bourgeoiser Provenienz, alles andere als ein Gegensatz.

Der Autor wurde 1925 in Köln als Willi Fetz, Sohn einer jüdischgläubigen Frau geboren, soviel steht fest. Alles andere, was mit der dem (formalen) Glauben der Mutter geschuldeten Biographie im faschistischen Nazideutschland zusammenhängt, also KZ, Flucht vor dem rechten deutschen Mob usw., ist nach Müllers Vorstellung eher nicht der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das ist sein gutes Recht! Warum er frühzeitig in seinem Schaffen ein Pseudonym verwandte? In der Wochenzeitung "Freitag" gab er schelmisch Auskunft: "Ich habe keine Schwierigkeiten mit meinem eigentlichen Namen. Ich wollte damals ein Pseudonym haben, das einen klassischen französischen Vornamen und einen klassischen deutschen Nachnamen hatte. Unglücklicherweise gibt es einen zweiten André Müller, der ist so geboren. Der ist Journalist. Ich habe ihn nie getroffen, aber ich habe ihm versucht klarzumachen, dass er nicht das Recht habe, als André Müller zu schreiben, nur weil er so geboren ist. Das konnte er nie einsehen. Wenn man als Henkel geboren ist, kann man unter diesem Namen nicht Waschmittel verkaufen. Darauf hat er mir geantwortet: Mit einem Mann, der die höheren Bereiche der Kunst mit einem Waschmittel vergleicht, wolle er nichts mehr zu tun haben. Da es mir nichts ausmachte, erlaubte ich mir den Spaß, ihn des fluchwürdigen Verdachtes auszusetzen, er sei mein Sohn."

Der dem Werke Bertolt Brechts verpflichtete und eine innige Freundschaft zum leider schon verstorbenen DDR-Schriftsteller Peter Hacks pflegende westdeutsche Müller hat in den 1980er Jahren die Erzählung "Die Partei der Knoblauchfreunde" verfasst und weder in der leider verblichenen ostdeutschen demokratischen Republik noch in DKP nahen Verlagen die Möglichkeit erhalten, selbige zu veröffentlichen. Steigt man unbefangen in den äußerst unterhaltsam geschriebenen Text ein, so ahnt man rasch den Grund. Kommunistische Parteien waren und sind wohl keine Warmduscher-Vereine, sondern (leider) auch intern mit einer Reihe von tricksenden Machtmenschen bestückt. Und selbst die unter den Verfolgungen des knoblauchfeindlichen "Herrschenden Zusammenschlusses" leidende, in der Illegalität vegetierende Organisation der Knoblauchfreunde kennt die Zwietracht als Mutter aller Diskurse. Linke (ausschließlich dem Genuss des rohen Knoblauches frönende) als auch rechte Abweichler (Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie zwecks Nutzung der Pflanze ausschließlich als Knoblauchkapseln) und machtbesessene Strategen, die die eigenen Gesinnungs-Genossen zu manipulieren wissen, beharken sich gegenseitig, statt den (Genuss-)Feind in den Fokus zu stellen. Eine intelligente und - vor allem für diejenigen Leserinnen und Leser, die sich mit dem Gedanken anzufreunden versuchen, einer Partei beizutreten oder weiter beizustehen - eine mahnende Geschichte voller Humor, Spritzig- sowie Witzigkeit. Man stellt sich schnell die Frage, wie viele Politikerinnen und Politiker (leider auch mit kommunistischem/sozialistischem Anspruch) in der Erzählung Parallelen zu ihrem Alltag finden oder besser, wie wenige es nicht tun.

Zum Schluss jedoch etwas Praktisches, einfaches wie auch kulinarisch reizvolles, soweit der geneigte Leser deftige, rustikale als auch spartanische Speisen nicht als verachtenswert definieren zu müssen meint: In gemütlicher Runde sollte man zunächst die Aufgabe delegieren, Holzkohle zu entzünden und selbige ausglühen zu lassen. Müller beschreibt vorbildhafterweise das weitere Vorgehen: "Derweil wurden von einem großen Graubrotlaib deftige Scheiben abgeschnitten und auf beiden Seiten mit Olivenöl bestrichen. In die Mitte dieser Brotscheiben drückte man zum Abschluss eine große geschälte Knoblauchzehe, legte die so vorbereiteten Brotscheiben auf einen Rost und briet sie über der Glut, sie des Öfteren wendend, beidseitig knusprig und braun. … Die schön gerösteten Brotscheiben wurden von dem Rost genommen … . Nun nahmen die Versammelten die nicht mehr ganz heißen Brotscheiben in die Hand, zogen die Zehe Knoblauch heraus und verrieben diese auf den aufgerauten Flächen, bis nichts mehr von ihr vorhanden war. Dann streuten sie Salz darüber." (S. 17-18). Dazu passt übrigens vorzüglich ein kräftiger, trockener Rotwein (bitte, bitte keinen Dornfelder; solch ein Modegesöff verdirbt einem das gute Essen) und ein entsprechend gestimmtes weibliches / männliches Gegenstück. Denn nach dem Genuss der Speise sollte es heißen: "Los! Küssen wir uns!" (S. 19). Na denn, im doppelten Sinne: Guten Appetit! PS: Die Erzählung "Die Nacht, in der Heiner Müller verspeist wurde" ist ebenfalls in dem schön gestalteten, etwa 15,- € kostenden Buch vorhanden. Wie genannter schmeckte, kann an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden.

Die Partei der Knoblauchfreunde
André sen. Müller

Die Partei der Knoblauchfreunde


Eulenspiegel 2010
208 Seiten, gebunden
EAN 978-3359022640

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