AMRUM
Die Nordseeinsel Amrum in der letzten Woche des Zweiten Weltkrieges wird zum Schauplatz dieses liebenswert erzählten Coming-of-Age-Dramas des Freundes und Mentors von Amin, Hark Bohm (1939–2025), der am Ende des Films auch selbst zu sehen ist. Die autobiografische Geschichte Hark Bohms wird von Kameramann Karl Walter Lindenlaub in eindrucksvolle Bilder des norddeutschen Watts eingetaucht.
Die Jugend und der Verlust der Unschuld
Das Watt um Amrum gehört zum Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer und ist Teil des UNESCO-Weltnaturerbes. In der letzten Woche des Kriegs, also April/Mai 1945, begegnen sich nicht nur Widerstandskämpfer und ewige Nazis, sondern auch die Hoffnungen und Enttäuschungen des jungen, zwölfjährigen Nanning, der versucht, seiner Mutter ein Honigbrot zu organisieren. Wie es Fatih Akin selbst in den Extras sagt, ist Amrum ein Film „über einen Jungen, der seiner Mutter ein Honigbrot besorgt". Ein stiller, leiser Film, wie man es sich von Akin nach Gegen die Wand (2004) und Rheingold (2022) vielleicht gar nicht erwartet hätte. Das Drehbuch schrieb er gemeinsam mit Hark Bohm, der im Film von Jasper Billerbeck meisterhaft gespielt wird.
Die Beziehung zu seiner Mutter ist für Nanning nicht einfach, handelt es sich bei ihr doch um eine der letzten Nazis im Dorf, die auch am vorhersehbaren Ende des Krieges noch treu zum Führer hält. Da sie schwanger ist, hat sie kaum Appetit und wünscht sich ständig dieses eine Honigbrot. Der kleine Nanning, der nichts anderes will als von seiner Mutter geliebt zu werden, nimmt nun einige Abenteuer und Gefahren auf sich, um ihr ihr gewünschtes Honigbrot zu besorgen. Neben Butter und Honig ist es vor allem der Weizen, der aufgrund der Kriegssituation sehr schwer zu bekommen ist. Aber bis er es wirklich schafft – so viel darf verraten sein – wird die Geschichte einer Gesellschaft in Auflösung erzählt. Die Geschichte eines Deutschlands, das kurz vor dem Zusammenbruch kaum wagt aufzuatmen. Zudem erfährt er ein dunkles Geheimnis über seine Eltern, das in ihm den Zweifel am Nationalsozialismus nährt. Bis dann endlich die erlösende Nachricht kommt: Der Führer ist tot. Seine Mutter, die immer an den Endsieg glaubte, erlebt beinahe eine Fehlgeburt …
Heimatfilm im besten Sinne des Wortes
Fatih Akın erzählt eine Art Heimatfilm. Der Golden-Globe-Preisträger (2018, Aus dem Nichts) und Goldener-Bär-Preisträger (2004, Gegen die Wand) und gebürtige Hamburger (*1973) hat bereits eine Vielzahl von Filmen unterschiedlichster Provenienz abgedreht. Als Regisseur ca. 15, als Produzent oder Drehbuchautor weitere fünf. Mit den oben bereits angesprochenen Preisen hat er sich die goldenen Sporen des Business wohl mehr als verdient und lässt nun mit diesem Film aufhorchen, dessen Drehbuch er für seinen Freund Hark Bohm in ruhige Bilder umgesetzt hat, die die Brisanz des Themas keinesfalls schmälern. Denn die Themen Mitläufertum, Denunziation, aber auch unverbesserliche nationalsozialistische Überzeugung betreffen Deutschland (und Österreich) bis heute, wie Medienberichte immer wieder klarmachen. Aus der Perspektive des zwölfjährigen Nanning, der seine Mutter liebt, ist dies alles sehr schwer verständlich. Er kümmert sich als „Mann im Haus" auch um die Ernährung, erntet Kartoffeln, nimmt ein Kaninchen aus oder hilft bei der Robbenjagd.
Die Landschaft, aber auch Fauna und Flora des norddeutschen Watts, wird ausgiebig porträtiert, und auch die Sprache der Bewohner – der friesische Dialekt Öömrang – wird mit Untertiteln sogar übersetzt. Dialekte waren bei den Nazis übrigens verpönt, weil sie ein gesamtdeutsches Einheitsvolk schaffen wollten. Deswegen war allein die Benutzung des Dialekts schon irgendwie ein Bekenntnis zum Widerstand und zur eigenen regionalen Identität. Überzeugend zeigt Fatih Akin den Zusammenbruch der deutschen Gesellschaft beispielhaft am kleinen Ort Amrum und des jungen Nanning, der bald eine neue Heimat und ein neues Vorbild in seinem Onkel Theo in Amerika findet.
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