Literatur

99 Jahre und kein bisschen weise

Karl Kühn liegt auf dem Sterbebett und wartet. Doch es nicht der Tod, auf den der 99-Jährige wartet, auch wenn beim Warten sein Leben an ihm vorüberzieht. Er, der sich vorgenommen hat, 100 Jahre alt zu werden - und was ein Karl Kühn will, das bekommt er auch -, wartet auf ein anderes Naturereignis: die Sonnenfinsternis vom August 1999.

Kühn ist ein Mann ohne Gefühl: kalt, herzlos, brutal - was immer die Situation erfordert. Für ihn gab es seit seiner Kindheit nur ein Ziel: den Aufstieg in die 1. Klasse Fensterplatz. Mit Emotion und Leidenschaft verbunden ist für ihn nur eine einzige Sache, nämlich die so selten zu sehende Verdunkelung der Sonne.

Vor dem Hintergrund, dass eine Sonnenfinsternis in Wahrheit eine Erdfinsternis ist, denn es ist die Erde, die im Schatten des Mondes liegt, die Sonne aber scheint immer weiter, vor diesem Hintergrund kann Kühns Leidenschaft, aber auch der Roman an sich, als Metapher betrachtet werden.

Es sind Menschen wie Karl Kühn, die in Finsternis leben und, viel schlimmer, anderen Finsternis bringen. Kühn ist die Personifizierung der bösen Seite des Kapitalismus. Nur merkantil denkend und fühlend, Gefühle selbst als jämmerlich abtuend, betrachtet er Menschen lediglich als Material, als Mittel zum Zweck. Menschen wie er haben ein Gespür für die Zeitläufte, ordnen sich rechtzeitig auf der Zielspur ein, profitieren, ohne Federn zu lassen. Dieser Hintergrund macht Kühn auch zum Kumpan der Nationalsozialisten, die er im Grunde für dumm und primitiv hält, aber sie sind ihm nützlich, und nur das zählt.

Kühn ist der Gott in seiner Welt, autoritär richtet, gibt und nimmt er. Vor allem Letzteres. Und dieses gottgleiche Erleben ist es auch, was ihn an der Finsternis der Sonne bzw. der Erde reizt. Im Moment der Verdunkelung existiert nichts und niemand um ihn herum, er verspürt eine sekundenlange Stille, in der er wähnt, ganz alleine auf diesem Planeten zu sein.

So ist es fast eine Ironie, dass dieser Mann nun den Bildern seines Lebens ausgeliefert ist. Er, der gewöhnt ist, alles unter Kontrolle zu haben, kann seine Erinnerungen nicht kontrollieren, sie kommen und gehen, entziehen sich seinem Willen. Und das ist gut so. Wenigstens einmal ist dieser Kühn, der nicht nur seine nächsten Angehörigen schikanierte, degradierte, missbrauchte, sich selbst ausgeliefert, wie auch diese Menschen ihm ausgeliefert waren.

Nur selten, meist erfolglos, gibt es zaghafte Versuche, ihm Widerstand entgegenzubringen. Die Widerstände sind gekennzeichnet von Rückzug: seine Frau zieht sich in ihr Zimmer zurück und setzt ihrem Leben ein Ende, nachdem sie erfährt, dass Kühn die vermeintliche Adoptivtochter bei einer Vergewaltigung im Lebensbornheim zeugte. Die Tochter Elisabeth sieht den einzigen Ausweg im Schweigen. Desireé, die Enkelin, lernt schnell: Einmal eine Kühn, immer eine Kühn. Sie weiß, sie entkommt ihm nur teilweise. Und tatsächlich sind auch alle anwesend an diesem Augusttag, an dem die Sonnenfinsternis stattfindet. Sie sind da und hoffen, dass die Finsternis den alten Kühn nicht mehr loslässt, sie wenigstens befreit sein werden von den Spielchen, die er mit ihnen bis zum Schluss treibt.

"Sonnenfinster" ist ein Roman, der sich mit dem Thema Macht, mit dem Kapitalismus alter und neuer Form beschäftigt, der zeigt, dass die alten NS-Netzwerke während der Aufbaujahre gut funktioniert haben, es immer noch blinde Flecken bei der Rückschau gibt. Allerdings zeigt Michael Amons Geschichte keine Lösung auf, im Gegenteil. Wir werden am Ende entlassen mit der traurigen, vermutlich aber wahren Aussicht, dass eine Kühn’sche Welt nie gänzlich vergehen wird, sie immer wieder irgendwo auf der Welt neu aufersteht, es keine wirkliche Flucht gibt.

In diesem Sinn ist Amons Geschichte deprimierend, sie regt nicht dazu an, sich kritisch mit der Situation auseinanderzusetzen, weil die Aussage lautet: Es ist nicht zu ändern. Auch das kann als ein Rückzug interpretiert werden.

Diese Buchbesprechung ist ursprünglich im Online-Buchmagazin Literaturhaus Wien erschienen.

\"\"
Sonnenfinster
Michael Amon

Sonnenfinster


Molden 2006
240 Seiten, gebunden
EAN 978-3854851837

Die Schrecken des Krieges aus Sicht eines Kindes

In Ralf Rothmanns Roman ist die zwölfjährige Luisa die Hauptfigur. Sie kann die letzten Kriegsmonate zwar einigermassen sicher durchleben, wird aber dennoch von den Schrecken des Krieges nicht verschont.

Lesen

Wiedersehen in Berlin

Das Berliner Biotop der Achtziger ist um eine Attraktion reicher. Chrissie, die Nichte von Erwin, dem Kneipenwirt, mischt mit. Herr Lehmann und Co tauchen auch wieder auf und Sven Regener schwelgt wieder in seinem schelmischen schwarzen Humor, diesmal sogar auf Wienerisch.

Lesen

"Schriftsteller sind nicht ganz richtig im Kopf, das weiss doch jeder."

Ein Text, verfasst von einem verstorbenen Pizzabäcker, von dem niemand wusste, dass er geschrieben hatte, wird ein sensationeller Erfolg, der mannigfaltige Auswirkungen hat.

Lesen

Tunnel ins Ego

"Der Tunnel" ist die argentinische Version von Sartres "Der Ekel", aber es ist keine Kopie, sondern eine eigenständige Version der Schilderung des bürgerlichen Ennui des Nachkriegsexistentialismus.

Lesen

Der Preis der Freiheit

Leon de Winter ist bekannt für seine Thriller, die die Freiheit des Westens preisen. In "Geronimo" erzählt er von dem Preis, den diese Freiheit kostet. Ein Appell an das Verantwortungsgefühl des Einzelnen und ein Denkmal für seinen Protagonisten Tom Johnson, einen Helden der freien Welt.

Lesen

Wenn die mühsam aufgebaute Welt bröckelt

Viel Geld, viele Affären, viel Heuchelei. Die Protagonisten im Buch von Mark van Huisseling sind mit ihren individuellen Karrieren beschäftigt und wissen nicht, dass es bald bergab geht.

Lesen
Aus der nahen Ferne
Lila, Lila
Stolz und Vorurteil
Tuareg
Temmuz Çocukları
Ein Sonntag auf dem Lande
Der Sieger bleibt allein
Mehr Meer
Dezembergeschichten
Die Traummannschaft
Kolyma
Mein Name sei Gantenbein
by rezensionen.ch - 2001 bis 2018