Wege zu Gott
Kardinal Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., wurde in einem vielfach gelesenen, berühmt gewordenen Gesprächsbuch namens „Salz der Erde“ von dem Journalisten Peter Seewald gefragt, wie viele Wege es zu Gott gebe. Der weltweit geachtete Theologe antwortete seinerzeit: „So viele wie es Menschen gibt.“ Auch heute noch findet dieser demütige, schlichte und klare Gedanke Resonanz und Zustimmung. Engelbert Recktenwald nimmt in seinem neuen Buch Gläubige und Suchende mit auf besondere spirituelle Erkundungen, würdigt moralische Fragen der Zeit und lenkt den Blick des Lesers auf das Abenteuer des philosophischen Denkens.
Recktenwald nennt die sogenannte „christliche Philosophie“ treffend ein „hölzernes Eisen“. Fragen darf sich der Leser auch: Muss eigentlich philosophiert werden? Genügt es nicht, einen einfachen Glauben zu haben? Doch Menschen neigen zu „Denkversuchen“, die hingegen nicht alle nachvollzogen und bedacht werden müssen. Friedrich Nietzsche etwa wollte „moralische Ideale als vergiftete Früchte des Ressentiments“ entlarven. Unsere Lebenszeit reiche nicht, so Recktenwald, um alle Philosophien und ihre Denkexperimente zu studieren oder auch zu kritisieren. Entscheidend sei die Frage nach dem „Sinn unseres Lebens“, und der Leser weiß vielleicht aus der schlichten Erfahrung, die ihm geschenkt ist, dass bei der aufrichtigen Suche danach nicht jedes Irrlicht der Geistesgeschichte durch eigene Lektüre gewürdigt werden muss. Wer sich mit dem Reichtum der Schriften der christlichen Denker, von Augustinus über Bonaventura und Thomas von Aquin bis hin zu John Henry Newman, vertraut macht, wird sich vielleicht auf eine „faszinierende Entdeckungsfahrt“ begeben und die „Freude an Gott“ für sich entdecken.
Recktenwald erinnert an die Bedeutung der „Selbstrelativierung“. Der Mensch sei eben nicht – wie der antike Denker Protagoras lehrte – das Maß aller Dinge: „Selbstrelativierung bedeutet die Bereitschaft, einen Maßstab anzuerkennen, an dem wir selbst gemessen werden und der den Wert unseres Lebens bestimmt. Erst wenn wir mit diesem Wert zufrieden sind, erkennen wir in unserem Leben einen Sinn. Es kommt nicht darauf an, etwas zu finden, mit dem wir zufrieden sind, weil es unseren Ansprüchen genügt, sondern so zu leben, dass wir mit uns selbst zufrieden sind, weil wir Ansprüchen genügen, die an uns gerichtet sind.“ Dieser Gedanke steht freilich – und Gläubige fügen vielleicht hinzu: Gott sei Dank – quer zu dem vorherrschenden säkularen Glauben an die Selbstverwirklichung. Der Mensch ist nicht, was er aus sich selbst macht, sondern er steht vor einem Anspruch, der ihn fordert, und gleichzeitig weiß er sich von der Hoffnung getragen, dass sein Leben sinnerfüllt ist. Wer sich beständig auf „Identitätssuche“ begibt, verliert sich.
Recktenwald schreibt eindrücklich: „Egal, was du dir als Sinn deines Lebens ausdenkst, es ist unendlich weniger schön und groß als das, was die unendliche Weisheit Gottes sich für dich ausgedacht hat. Du bist dann nicht zu etwas Höherem berufen. Denn alles, was deiner eigenen Fantasie entspringt, bleibt weit hinter dem Göttlichen zurück, es bleibt auf der rein natürlichen und zeitlichen Ebene.“ Der Mensch, so erläutert Recktenwald, wird als Gedanke Gottes, aus Liebe erschaffen und gewollt vorgestellt. Diese Beziehung ist die eigentlich, wahre Lebenswirklichkeit eines jeden Menschen: „Du bist das einzige Original von dir selbst. Du hast eine einmalige Rolle, und es ist in deine Freiheit gelegt, wie gut du damit umgehst.“
Der Weg zu Gott relativiert damit die Verheißungen einer bunt illuminierten Säkularität, in der heute dieses, morgen jenes als absolut wichtig und erstrebenswert angesehen wird. Wer also die Schleier der leeren Verlockungen erkannt hat, für den sind die Ziele des Relativismus so unerheblich wie zerplatzende Schatten. Es geht dann nicht mehr um Macht, Reichtum, Geld und Karriere, sondern um ein einfaches, dankbares und erfülltes Leben vor Gott, einen Weg der Heiligkeit mitten im Alltag. Der Sinn des Lebens könne nicht, so Recktenwald, „durch Vergehen sinnlos werden“. Die „Werthaltigkeit des Guten“ gebe es tatsächlich, nicht als etwas bloß Erdachtes, sondern als „fundamentale Wirklichkeit“, durch die das Wesen des Menschen erst begreiflich werde: „Wahre Größe ist nicht an Macht oder Raubtiergehabe gebunden (…). Der Mensch ohne Moral mag an Macht gewinnen, aber er verliert an Würde.“ So zerschelle auch die treffend benannte „blenderische Rhetorik“ des Philosophen Nietzsche an der „unnachgiebigen Nüchternheit der Realität“.
Jedoch bleibt bis heute – und das ist verstörend genug – das Denken Nietzsches und dessen martialisches Lob des Immoralismus für viele Zeitgenossen faszinierend. Er sprach von der „Tyrannei der Moral“, und wie viele huldigten ihm, sahen in ihm einen ingeniösen, genialischen Denker der Moderne. Recktenwald indessen kommt auf die „Demut Gottes“ zu sprechen: „So erweist sich Gott durch das Weihnachtsgeheimnis als ein Gott, der die Menschen nicht von außen durch seine Macht unterwerfen und beherrschen, sondern ihr Herz von innen her durch seine Liebe gewinnen will. Seine Verherrlichung besteht nicht darin, dass er Furcht und Schrecken verbreitet, sondern die Zartheit und Schönheit seiner Liebe bis ins Innerste unseres Herzens ausbreitet. Wir gehen vor ihm in die Knie, nicht aus Furcht vor der Größe seiner Macht, sondern aus dankbarer Ehrfurcht vor der Größe seiner Liebe. Wir machen uns klein, weil auch er für uns klein geworden ist. So erweist sich die Liebe als die einzige Macht, die auch die Herzen erreicht. Indem Gott klein wurde, ist seine Liebe machtvoll geworden.“
Gott sei „größer als unsere begrenzte Erkenntnis“, schreibt Recktenwald und grenzt sich deutlich auch von dem zeitgenössischen Theologen und etablierten Kirchenkritiker Magnus Striet ab, der ein existenzphilosophisch grundiertes, somit höchst eigensinniges Kant-Verständnis besitzt und als energischer Fürsprecher einer vollständigen Autonomie des Menschen auftritt. Der Freiburger Theologe, so Recktenwald, begreife den Menschen als „Gesetzgeber Gottes“. Gott dürfe nur Akzeptanz finden, wenn er den „moralisch-ethischen Maßstäben des Menschen“ entspreche – für Recktenwald ist dies ein „lächerlicher Gottesbegriff“. Striet behaupte, dass Freiheit „selbstursprünglich“ sei: „Damit wird der Gedanke hinfällig, dass jeder Einzelne von uns ein verwirklichter, individueller Liebesgedanke Gottes ist und dass Liebe, wie es Dostojewskij einmal ausgedrückt hat, bedeutet, einen Menschen so zu sehen, wie Gott ihn gemeint hat.“ Recktenwald führt weiter aus: „Gott ist größer, als Striet es sich ausdenkt. Diese Größe nicht als Bedrohung meiner Freiheit, sondern als ihren Ursprung und ihr Ziel, als ihre Heimat und den Ort ihres Zu-sich-Kommens zu erfassen, ist der Lackmustest für die Tauglichkeit jedes Versuchs, Gott zu denken.“
Zurück zu Joseph Ratzinger – seine Antwort auf die Frage, wie viele Wege es zu Gott geben mag, schließt vorausgehendes philosophisches Nachdenken nicht aus, legt aber nahe, dass der entscheidende Schritt für den Menschen, der die Wahrheit sucht, nicht in der Philosophie selbst liegen kann. Der frommen Überlieferung zufolge soll der Mailänder Bischof Ambrosius den hochbegabten Philosophen Augustinus, rhetorisch versiert argumentierend, angehört haben, als er wortreich und weltklug über die Wahrheit nachdachte, um ihm dann zu erwidern: „Nicht du, Augustinus, wirst die Wahrheit finden, sondern die Wahrheit wird dich finden.“ Auch Engelbert Recktenwalds in hohem Maße lesens- und empfehlenswertes Buch lässt sich als Einladung zum Glauben an Gott in der Welt von heute verstehen – und ermutigt zum Nachdenken über und zur Offenheit für die Wahrheit, die unser Leben trägt und hält.
Edith Stein – Mystik und geistliche Orientierung
Edith Stein verbindet philosophische Klarheit mit tiefer Mystik: Ein stilles, nüchternes Werk über Glauben, Freiheit und Liebe.
Geistliche TexteDas badische „Klösterreich“
Das „Badische Klosterbuch“ wird wegweisende, bleibende Bedeutung haben als Standardwerk regionaler Kirchengeschichte.
Badisches KlosterbuchMünchens „Alter Peter“ leuchtet
Dieser liebevoll verfasste, trefflich illustrierte Band lädt dazu ein, in Sankt Peter zu verweilen, im „Alten Peter“, und gläubige Katholiken fühlen sich zugleich daran erinnert, dass sie ganz in Rom zu Hause sind.
Kath. Stadtpfarrkirche St. Peter - MünchenKants Autonomieverständnis – postmodern gedeutet
Der Fundamentaltheologe Striet legt ein eminent philosophisches Buch vor, an dessen Thesen, Reflexionen und Standpunkten man sich in gutem Sinne reiben kann.
Unausweichliche AutonomieWenn Theologen der Gottesfrage ausweichen
In seinem Buch über den christlichen Glauben in der heutigen Zeit geht Reinhard Marx verbal aufs Ganze, aber substanziell bleiben wesentliche Fragen unberührt.
KultBischof Godehard von Hildesheim und seine Zeit
Dieses Buch verdient es, mit Sorgfalt studiert zu werden, auch wenn jegliche Aktualisierungen durchaus kritisch reflektiert werden können und dürfen.
Bischof Godehard von Hildesheim (1022–1038)