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Ute Wegmann: Alles soll sehr weiß sein Anpassung und Rebellion

17. April 2026
von Eva Lacour

Ute Wegmann schildert in ihrem Roman die schwierigsten Jahre dreier Generationen. Die Großmutter Hertha steht für ein Leben im Krieg, die Mutter Ellen für den Wiederaufbau und das darauf folgende Wirtschaftswunder, die Tochter Dora für die 68er-Generation und deren Auflehnung.

Am eindrücklichsten ist die Schilderung der Kriegsjahre: „Am Anfang dachte man, dass der Krieg vielleicht ein oder zwei Jahre dauern würde, sich dann alles zum Guten wenden könnte, dass Hitler nach einem Sieg einen ordnungsgemäßen Politiker abgäbe, dass alles, was über die Judentransporte und Lager erzählt wurde, übertrieben sei. So dachten viele. So redeten viele. Nichts war übertrieben. Nicht einmal die grausamsten Schilderungen entsprachen der Wahrheit, es war noch schlimmer. Unmenschliche, unbegreifliche Verbrechen.“ (S. 39)

Über die beiden älteren Generationen bleibt ihr Verhältnis zur Arbeit stabil: „Man arbeitete zusammen, von morgens bis abends. Auch unser Kind blieb bei den Großeltern. Kind – Haushalt – Einkaufen – Kochen. Man konnte die ganze Arbeit nur schaffen, wenn man jung war und Kraft hatte. Kraft hatte ich. Die Kriegsjahre hatten uns geschult und auch abgehärtet.“ (S. 165) Und: „Disziplin war der Stoff, der den Alltag zusammenhielt, der ein Miteinander möglich machte. Und Rücksicht.“ (S. 172) So sieht es Hertha.

Ellen tritt in ihre Fußstapfen und übernimmt dieses Arbeitsethos. Bald schon leitet sie die elterliche Firma. Auch ihr Kind bleibt bei der Großmutter. Ellen hat nie Zeit für ihre Tochter, genau wie Hertha nie Zeit für Ellen hatte. Auf diese Weise reproduziert sich bei Dora das Schicksal ihrer Mutter. „Für die Familie blieb kaum Zeit. Für mich hatte auch niemand Zeit, als ich ein Kind war. Ich hatte nicht mal einen Vater, weil der im Krieg kämpfte und krank zurückkam.“ (S. 163) Dora ist ein einsames Kind. Liebe bekommt sie nur vom Großvater, dem seelisch zerstörten Kriegsheimkehrer, und ein bisschen von der Großmutter väterlicherseits.

Die zwei älteren Generationen ähneln sich noch stark in Einstellungen und Werten, doch danach kommt ein tiefgreifender Bruch, der sich in der Bundesrepublik auch politisch manifestiert. Ellen und ihr Mann begreifen die Rebellion der 68er nicht, doch Dora ist von der Bewegung fasziniert und fordert erstmals eine Abrechnung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ein. „Die Steigbügelhalter der Nazis, wie erkannte man sie. […] Hatten sie kein Gewissen, keine Moral, kein Herz?“ (S. 77)

Dora begehrt auf – gegen die Politik der Bundesrepublik, gegen ihr Elternhaus. „Vermufftes Wohnzimmer. Vermufft, eure Möbel und Pflanzen. Vermufft bald ihr beide, steckengeblieben, stehengeblieben in eurer Blütezeit. Bleibt nur sitzen, schweige ich. Mein Zorn ist Verzweiflung, hinuntergeschluckt. Die Zeit ändert sich, seht ihr das nicht, sage ich ruhig. Nicht alles, was war, war schlecht, antworten sie.“ (S. 215)

Die einzige Konstante über alle drei Generationen hinweg ist die Einsamkeit, unter der alle leiden.

Der Text erzeugt bei der Leserin Empathie für alle drei Ich-Erzählerinnen, denn durch die Perspektivverschiebung erfährt man deren Innensicht. Und so wird dasselbe Geschehen aus zwei oder drei verschiedenen Perspektiven beleuchtet, die unvermittelt aufeinanderprallen und die Verständnislosigkeit der Generationen füreinander deutlich machen.

Die reduzierte, bewusst nüchterne Erzählweise ohne ausschweifende Metaphern verleiht dem Text besondere Intensität, die den Leser betroffen macht und mehr bewegt als dramatische Worte. Detaillierte Beschreibungen und pathetische Ausschmückungen erübrigen sich. Durch kurze, parataktische Sätze und Wiederholungen entsteht ein eindringlicher, fast hämmernder Rhythmus: „Das Leben musste bewältigt werden. Die Nazis mussten ertragen werden. Der Krieg musste enden. Das Kind musste wachsen.“ (S. 90) Das Unsagbare wird nicht ausformuliert, sondern angedeutet – und gewinnt gerade dadurch an Wirkung.

Erst ganz am Ende, nach Herthas Tod und als Ellen milder wird, kippt der Stil bei Dora ins Lyrische, gerade dort, wo sie traurig ist.

Der Roman berührt einen tief, doch trotz aller Traurigkeit und aller Verständnislosigkeit zwischen den Generationen endet er schließlich hoffnungsvoll, denn Dora findet ihren Weg, und immerhin Ellen nimmt wahr, dass es ihrer Tochter gut geht.

Alle Rezensionen von Eva Lacour

Buchcover von Alles soll sehr weiß sein
Ute Wegmann
Alles soll sehr weiß sein
248 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-87512682-2
Maro 2026