Literatur

Tag der Befreiung

Sprachlich virtuos und mit feinem Humor erzählt der polnische Schriftsteller Zbigniew Mentzel die Geschichte von Zbigniew Hintz, ein - je nach Anspruch, insbesondere aus Sicht von Hintz' Mutter - als gescheitert zu bezeichnender Intellektueller, der aus Anlass eines bestimmten Tages seinen Werdegang und damit die Geschichte seiner Familie Revue passieren lässt. Die geschickte Verknüpfung von Rückblicken mit der Gegenwartserzählung verdeutlicht das familiengeschichtliche Korsett, in dem sich der Protagonist auch als 46jähriger noch befindet. Es ist auch ein Roman über die polnische Geschichte. Nicht Geschichte anhand grosser Ereignisse, sondern anhand der Auswirkungen der Geschichte im familiären Biotop: Lethargie neben der Hoffnung auf ein besseres Leben, zwanghaftes Verhalten neben Frustration.

Dieser Tag ist speziell, weil Hintz seinen 82jährigen Vater bei der Ausrichtung einer kleinen Abschiedsfeier aus Anlass seines letzten Arbeitstages in der Krankenhaus-Apotheke unterstützen muss. Es ist eher ein Müssen als ein Dürfen. Die eigentlich freiwillige Pflicht hängt einem Damoklesschwert gleich über dem Sohn. Er wacht ungewöhnlich früh aus einem nicht gerade angenehmen Traum auf, in dem ein riesiges Gebilde aus abgeschnittenen Zungen vorkam, ein symbolträchtiges Bild, das an die Sprachenwirrnis des Buches Genesis erinnert, und fürchtet sich schon davor, sich zu verspäten. Verspätungen sind für den Vater unverzeihlich. Lieber eine Stunde zu früh, denn man weiss ja nie, was passiert, als nur eine Minute zu spät. Für Hintz wird der Tag somit zu einer Bewährungsprobe. Und familiäre Bewährungsproben hat Hintz stets nicht bestanden. Er ist das komplette Gegenteil von dem geworden, was seine Mutter für ihren einzigen Sohn vorgesehen hatte. Anstatt der weltgewandte, sprachbegabte stets erfolgreiche Held, der durchaus ab und zu im Fernsehen auftritt, zu sein, ist er ein grüblerischer, unzuverlässiger Einzelgänger geworden, der mit Fremdsprachen Mühe hat und sich als schreibblockierter Journalist und mit Börsengeschäften einigermassen über Wasser hält.

Hintz' Rückblicke drehen sich um die Rolle der Sprache: Der aufoktroyierte Russischunterricht während der Sowjetzeit, in dem die Lehrerin im Stillen Einverständnis mit den Schülern so gut wie gar nichts gemacht hat; Die fasziniernd-deprimierende Anziehungskraft der sorgfältig gepflegten Schreibmaschine der Marke "Rheinmetall", auf der Hintz die ersten Schreibversuche unternommen hat; Der verzweifelte Versuch der Mutter, die bei ihnen zwangsmässig einquartierte Mitbewohnerin rauszuekeln, indem sie lauthals ein Gedicht auf Französisch rezitiert. Zur Schlüsselszene wird der Moment, in dem Hintz die jahrlang aufbewahrte Telefonbeantworter-Kassette, auf der seine Mutter kurz vor ihrem Tod eine Nachricht hinterlassen hat, ihren Sohn dann aber gebeten hat, diese Nachricht nicht anzuhören, einlegt und laufen lässt. Die Mutter hatte das innige Bedürfnis, eine Art Familiengeheimnis zu lüften. Hat es mit dem unausgelebten Judentum zu tun? Oder ist der Vater gar nicht der richtige Vater? Fragen, die man sich als Leser stellt, die aber nicht beantwortet werden. Im darauf folgenden Schlaf, in den Hintz verfällt, träumt er abermals. Es ist ein Traum der Deblockierung. Der Tag wird zu einem Tag der Befreiung.

Alle Sprachen dieser Welt
Zbigniew Mentzel

Alle Sprachen dieser Welt


dtv 2006
176 Seiten, broschiert
EAN 978-3423245289

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