Umwelt

Die Erkenntnis kommt von oben

Das englische Wörtchen over trägt für sich genommen ein gutes Dutzend Bedeutungen. Unter anderem steht es im Deutschen sowohl für die räumliche Präposition über als auch für das zeitliche Verhältniswort vorbei. Alex MacLean dient es sowohl im zeitlichen als auch räumlichen Sinne als Titel seine Bildbandes. Mit einem Flugzeug hat er sich in die Lüfte, quasi über die Wolken begeben und mit der Kamera die Verhältnisse in seiner Heimat USA festgehalten. Auf den entstandenen Abzügen wird die zeitliche Dimension des Buchtitels deutlich. Die Chance, die Sünden der Moderne rückgängig zu machen, ist vorüber, die Möglichkeit aber, das Leben zu ändern und eine lebenswerte Zukunft möglich zu machen, noch nicht!

Auf den ersten, flüchtigen Blick sind seine bildschönen Fotografien teuflisches Blendwerk, denn von oben sieht die Welt einfach schöner aus. Das Empfinden der Erhabenheit und Größe trübt den Blick des Unerfahrenen Betrachters und verhindert das Erfassen der Absurditäten des menschlichen Daseins. Auf den zweiten, den schweifenden und in die Tiefe der Fotografien eintauchenden Blick reißt MacLean dem Betrachter den Schleier von den Augen, indem er die täuschend schöne Knechtung von Mensch und Natur in den USA demonstriert. Auf den doppelseitigen, stechend scharfen Farbbildern seines Bildbands "Over. Der American Way of Life oder Das Ende der Landschaft" ist alles zu sehen, was wir wissen müssen, um den modernen, amerikanischen Lebensstil in all seinen Facetten zu begreifen. Schnell wird klar, dass dieser alles andere als eine Verheißung ist. Dieser Lebensstil ist die Wurzel eines Übels, dessen Folgen wir zunehmend spüren und erleben: Der Zerstörung unserer Lebenswelt.

In neun Kapiteln präsentiert Alex MacLean spektakulär schöne Luftaufnahmen, die die verschiedenen Folgen unseres alles beherrschenden, konsumorientierten Daseins dokumentieren. Um die Drastik und Dramatik der Situation deutlich zu machen, erfordert es den Perspektivwechsel, das Verschieben der Bezüge aus der Horizontale in die Vertikale. Dementsprechend schreibt der Wissenschaftsjournalist und Umweltexperte Bill McKibben in seinem Vorwort, dass der Klimawandel in der Horizontale nicht begreifbar sei, da der Lebensraum als grenzenlos riesig erscheine. Erst in der Vertikale würden uns die geringen Ausmaße unseres Lebensraums bewusst. "Wenn ich vor meine Haustür trete und zum Himmel hinaufblicke, habe ich rund 10 km Atmosphäre über mir. Und nur in dieser Zone ist irdisches Leben möglich. Zehn Kilometer sind fast nichts, eine Entfernung, die ich in nicht einmal einer Stunde laufen kann. Mit dem Fahrrad reichen sogar zwanzig Minuten. Trotzdem ist das alles, was wir haben. Und diese dünne Hülle muss sämtliche Emissionen aufnehmen, die wir Menschen freisetzen." Das Ausmaß dieser Emissionen und die vielfältige Art und Weise ihrer Produktion macht MacLean in seinem ersten Kapitel deutlich. Die nahezu sinnentleerte Verbrennung natürlicher Energieträger, die er hier veranschaulicht, wirkt wie das Vorspiel für all den menschgemachten Irrsinn, den MacLeans Fotografien auf den folgenden, knapp 300 Seiten zeigen.

Der Lebensstil im Land der unbegrenzten Möglichkeiten offenbart sich als einer der allgegenwärtigen Möglichkeiten. So dokumentieren MacLeans Bilder die zahlreichen, in Wüsten und Berglandschaften implantierten, künstlich bewässerten Wohnsiedlungen, Grünanlagen und Golfplätze, die völlig fehlplaziert wirken. Die Aufnahmen zeigen die notwendig gewordenen Hilfsmittel einer permanent mobilen und ununterbrochen konsumierenden Gesellschaft: Gigantische Shopping-Hallen, gewaltige Parkplätze oder unendliche Lagerraumschlangen für die zahlreichen Besitztümer. Riesige Autobahnen verbinden die mitten in die Öde gebauten religiösen und quasi-religösen Kathedralen des American Way of Life. "Straßen sind die Vorboten des Wachstums" und wo eine Straße ist, ist auch kein Wachstum. Die amerikanischen Highways wurden so zur unbedingten Notwendigkeit, um die Allgegenwart der Möglichkeiten überhaupt Aufrecht erhalten zu können. Auf MacLeans Fotografien werden die absurden D-immens-ionen wichtiger Verkehrsknotenpunkte erst wirklich (be-)greifbar. Sie machen deutlich, warum der Bildband des amerikanischen Fotografen den Untertitel "Der American Way of Life oder Das Ende der Landschaft" trägt, denn von Landschaft oder Natur ist hier nichts mehr zu sehen. Die Straße wurde zur Lebensader, die den eigenen Wirtskörper zunehmend verschlungen hat und Amerika nun die Topografie diktiert.

Der 62-jährige Fotograf MacLean macht auch die Zerstörung ganzer Ökosysteme deutlich. Wüsten wurden während des Baubooms plötzlich attraktiv für die industrielle und urbane Erschließung. Und wenn es dafür nicht reichte, eigneten sich die künstlich angelegten Flächen zumindest als Abstellplatz für die Millionen amerikanischer Wohnmobile. Noch bevor sich Käufer finden, werden Straßen in die kargen Böden gefräst und zerstören die natürlichen Grundlagen unwiederbringlich. Es entstehen künstlich bewässerte Eigenheimghettos ohne Charme und Lokalkolorit. Die implantierten Eigenheimsiedlungen wirken meist völlig deplaziert. Sie sind wie auf einem Schachbrett angeordnet oder passen sich in modernem Schwung parallel in die Hänge und Ausläufer von Gebirgen ein.

MacLean enthüllt den American Way of Life als gleichmachendes und gesichtsloses Dasein als Dauerkonsument. So sind diese Bilder auch der Beweis für die innergesellschaftliche Entwicklung Amerikas. Sie belegen auf erschreckende Art und Weise die zunehmende Entsozialisierung und Individualisierung der Amerikaner. Nichts als der graue Asphalt der Hauptstraße verbindet die immer gleichen Reihenhäuser in den suburbanen, lebensleeren Wohnbatterien noch. Private Beziehungen, nachbarschaftliche Kontakte - nicht vorgesehen! Ihren Gipfel erreicht die Egomanie in den künstlich angelegten Wasserstadt-Siedlungen, wo für jeden Interessenten außerordentlich exklusive Wassergrundstücke vergeben werden. So exklusiv, dass jeder, der auch nur einen Kredit in Aussicht gestellt bekommt, zum Küstenbewohner wird. Trotz der Tatsache, dass die ersten Strandvillen von der Erosion der Dünenlandschaften akut bedroht sind, wird immer noch fleißig an den Küsten weitergebaut. Der Aufwand, der diese Bauten vor den weiteren Unannehmlichkeiten schützen soll, wird immens sein. Und dennoch, die Dämme und Mauern, die jetzt errichtet werden, werden kaum vor den absehbaren hydro-meteorologischen Katastrophen schützen, die der Klimawandeln mit sich bringen wird.

MacLean führt aber nicht nur die fatalen Folgen dieser "Vergewaltigung der von uns bewohnten Landschaften" vor Augen, sondern fängt auch die Boten eines beginnenden Umdenkens ein. Doch bei allen Bemühungen - es existiert noch nicht ausreichend Bereitschaft zur persönlichen Einschränkung. "Die Strukturen, die wir auf diesen Bildern sehen, sind der Landschaft eingeschriebene Spuren menschlicher Begierden." Dieses grenzenlose Verlangen hat, wie es McKibben in seinem Vorwort treffend beschreibt, zum großen Teil tatsächlich eine "reale Vergewaltigung der Natur" zur Folge. Alex MacLean bietet sich mit diesem Prachtfolianten als Gerichtsmediziner an, der das am Boden liegende Opfer untersucht und dem neugierigen Betrachter dabei die schweren Verletzungen zeigt. Seine klugen und prägnanten Kommentare untermauern die Eindrücklichkeit der Bilder, die den Betrachter mit einem Gefühl des Entsetzens, der Fassungslosigkeit und der Wut zurücklassen.

Over
Alex MacLean

Over


Der American Way of Life oder Das Ende der Landschaft
Schirmer/Mosel 2009
335 Seiten, gebunden
EAN 978-3829603836

Buchhinweis in eigener Sache

Eine Essay-Sammlung von Hans Durrer, der u.a. auch für rezensionen.ch schreibt.

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