Literatur

Albert Vigoleis Thelen Briefe

Albert Vigoleis Thelens 1953 erschienener, 735 Seiten starker (Ullstein Taschenbuch 1983) Roman "Die Insel des zweiten Gesichts: Aus den angewandten Erinnerungen des Vigoleis" gilt als Klassiker und das heisst, dass er wohl nur selten gelesen wird. Das ist aus vielerlei und hier nicht weiter zu erörternden Gründen bedauernswert. Möglicherweise wird jedoch der vorliegende Band mit Briefen dazu beitragen, dass wieder vermehrt zur "Insel" gegriffen wird - es wäre zu begrüssen, denn welchem anderen Werk ist schon folgende Weisung an den Leser beigegeben worden:
"Alle Gestalten dieses Buches leben oder haben gelebt. Hier treten sie jedoch nur im Doppelbewusstsein ihrer Persönlichkeit auf, der Verfasser inbegriffen, weshalb sie weder für ihre Handlungen noch auch für die im Leser sich erzeugenden Vorstellungen haftbar gemacht werden können. Im gleichen Masse, wie die Spaltung der ichverlorenen Gestalten grösser oder kleiner zu sein scheint, unterliegt auch der chronologische Ablauf der Geschehnisse einer Umschichtung, die bis in die Aufhebung des Zeitgefühls gehen kann.
In Zweifelsfällen entscheidet die Wahrheit."

Der hier vorliegende Band, so der Verlag, beinhaltet "eine Auswahl seiner besten Briefe an 50 Adressaten" von insgesamt ca. 15 000 bislang unveröffentlichten Briefen, die möglicherweise ja so recht eigentlich Thelens Hauptwerk seien (und nicht etwa, wie bisher immer angenommen, die Insel). Wie auch immer: die Lektüre dieses Bandes lohnt und das hat nicht nur mit den Briefen, sondern auch mit dem informativen und erhellenden Vorwort von Ulrich Faure und Jürgen Pütz zu tun, wo man so treffende Sätze findet wie: "Albert Vigoleis Thelen ist ein geborener Erzähler. Ein humoristischer und abschweifender Erzähler. Einer, der im Autobiographischen startet, aber recht schnell auf die fiktionale Bahn gerät." Man erfährt zudem, auf welche Quellen die Herausgeber zurückgegriffen haben und dass der Autor der Briefe, Albert Vigoleis Thelen, nicht identisch sei mit dem Vigoleis der Insel). Wie bitte? "Wissenschaftlich betrachtet, ist Vigoleis eine literarische und damit eine erfundene Figur, eben der 'Doppelgänger seiner selbst', wie Thelen schon im Motto seiner Insel darstellt."

Diese Briefe, in sehr ansprechender Aufmachung von DuMont in Köln präsentiert, bieten locker Erzähltes, wunderbar Fabuliertes, Spannendes und viel Aufschlussreiches. Um ein (ganz willkürlich herausgegriffenes) Beispiel zu nehmen, soll aus einem Schreiben vom 18. September 1947 an den Zürcher Verleger Max Rascher zitiert werden: "Sehr geehrter Herr Rascher, aus Ihrem Brief vom 15.9. ersehe ich, dass Sie dem Werk von Pascoaes heute noch genau so fremd gegenüberstehen wie vor zehn Jahren, und Ihr Misstrauen gegen mich als Übersetzer dieses einmaligen Dichters ist im Laufe der Jahre nicht geschwunden, vielmehr hat es sich verstärkt, wenn man bedenkt, dass Sie wissen, dass ich volle sieben Jahre im Hause des Autors gelebt habe und im täglichen Gespräch mit dem Meister doch wohl endlich dahinter gekommen sein müsste, was der Mann eigentlich in seinen Büchern sagen will ... Nichts hat sich inzwischen geändert, es sei denn, dass meine Einsicht in das Dunkel von Pascoaes tiefer geworden und mein Respekt vor der Integrität seines dunklen Werkes noch grösser. Vergessen Sie auch bitte nicht, dass ich durch Verfügung des Autors den vollen Ertrag aus dem Verkauf seiner von mir übersetzten Werke habe. Das verpflichtet. Es wäre mir ein leichtes, die Eindeutschungen so zu bearbeiten, dass gut lesbare Bücher daraus entstünden, die dann zwar mit Pascoaes nicht viel mehr zu tun hätten, aber mir Geld einbrächten. Dazu leihe ich mich nicht."

Schwer vorstellbar, dass das damals eine verbreitete Einstellung war; mit Gewissheit lässt sich jedoch sagen, dass sie es heutzutage nicht ist.

Meine Heimat bin ich selbst: Briefe 1929-1953
Albert Vigoleis Thelen

Meine Heimat bin ich selbst: Briefe 1929-1953


Dumont 2010
504 Seiten, gebunden
EAN 978-3832195595
Jürgen Pütz, Ulrich Faure (Hrsg.)

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