Geschichte

Kanzler Kohls erste Halbzeit

Über die Entwicklungen der Bundesrepublik in den 1980er Jahren gibt es unterschiedliche Meinungen. Während die einen der ersten "Halbzeit" von Kanzler Kohl wohlwollend gegenüberstehen und seiner Regierungsmannschaft ein positives Zeugnis ausstellen, werfen die anderen Kohl zahlreiche Versäumnisse vor. Im letzten Band der "offiziösen" Reihe "Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland" hat nun Andreas Wirsching die Jahre von 1982 bis 1989 abwägend, objektiv und äußerst spannend in den Blick genommen.

In zwei chronologischen und sechs thematischen Abschnitten ist der Band gegliedert. Zunächst wird auf die Regierungsübernahme durch die Christ- und Freidemokraten 1982 eingegangen inklusive der verfassungsrechtlich problematischen Neuwahl 1983. Danach folgen Abschnitte zum Parteien- und Regierungssystem, Wirtschaft, Finanzen, Kultur und Gesellschaft sowie der Außenpolitik. Damit hat Andreas Wirsching nahezu alle relevanten Bereiche abgedeckt. Eine an sich schon stupende Leistung. Ebenso positiv auffallend ist neben der Breite auch die Tiefe der Untersuchung. Gerade im Bereich Gesellschaft/Kultur gibt es für den Miterlebenden viel Neues bzw. bereits wieder Vergessenes zu entdecken.

Besonders deutlich arbeitet Wirsching die Taktik des Bundeskanzlers heraus. Helmut Kohls Strategie des "Aussitzens" wird dabei an manchen Stellen nicht kritisch genug gesehen. Schließlich verschleppte die Regierung durch dieses Vorgehen die Lösung zahlreicher Probleme, wie beispielsweise die Reform des Gesundheitswesens. Auf anderen Feldern hingegen, insbesondere der Familienpolitik, war die Regierung Kohl äußerst aktiv und schob einiges an. Dennoch: Kohls Personalismus führte zu einer stärkeren Verflechtung von Partei und Staat. Hier hätte man sich einen kritischeren Andreas Wirsching gewünscht. Die Reform der sozialen Sicherungssysteme kann man nun eben nicht mit "Aussitzen" gewinnen. Ein Kanzler muss sich dieser Debatte stellen. Kohls Nachfolger Gerhard Schröder hat das schmerzvoll erfahren müssen. Auch wenn die Ergebnisse der Regierung Schröder nicht immer perfekt waren: Schröder hatte im Gegensatz zu Kohl den Mut, unbequeme Entscheidungen zu treffen und ging der Auseinandersetzung mit Volk, Partei und Opposition nicht aus dem Weg.

Das Kapitel über die Deutsche Einheit ist, gemessen an der Dramatik und Bedeutung der Ereignisse, kurz ausgefallen. Die schon reichlich vorhandene Forschungsliteratur zu diesem Thema scheint ihn dazu bewogen zu haben, sich auf das wichtigste zu beschränken. Aufgrund struktureller Mängel der DDR vollzog sich die Epochenwende: Expansion des Sozialstaates, damit einhergehend das wirtschaftliche Versagen und das aufkommende Individualisierungsdenken innerhalb der Gesellschaft. All das führte zum Bruch 1989/1990 und ließ die Deutsche Vereinigung Wirklichkeit werden.

Andreas Wirsching hat ein Standardwerk zur Geschichte der "alten" Bundesrepublik während er 80iger Jahre geschrieben. Die Vielfalt der Themen und die Tiefe der Analyse machen das Werk spannend. Der mitunter flotte Schreibstil Wirschings macht die Lektüre kurzweilig. Wer sich über die Bundesrepublik im besagten Zeitraum informieren möchte, der kommt am "Wirsching" künftig nicht vorbei.

Abschied vom Provisiorium
Andreas Wirsching

Abschied vom Provisiorium


Geschichte der Bundesrepublik Deutschland 1982-1990
DVA 2006
847 Seiten, gebunden
EAN 978-3421067371

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