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Jonathan Crary: 24/7

Schlaf als letztes Refugium des Widerstands

"24/7", das aus dem Amerikanischen kommende Chiffre für 24 Stunden 7 Tage die Woche bezeichnet unsere Verfügbarkeit im Spätkapitalismus. Einerseits sind Waren und Dienstleistungen 24/7 verfügbar, andererseits wir selbst, die wir uns im WWW immer unentbehrlicher glauben, einem inneren Zwang folgend. Ein brillantes zeitgenössisches Essay, das der Entschleunigung unserer modernen Welt durch Schlaf und Warten huldigt.

Mit 24/7 meint Crary auch den Non-Stop Betrieb globaler Austausch- und Zirkulationsprozesse. Arbeit und Freizeit werden immer ununterscheidbarer, die Grenzen zwischen privat und öffentlich werden zunehmend aufgehoben. Viele machen es sogar freiwillig, andere werden dazu gezwungen. Dabei wissen wir schon seit langem, dass nicht nur sensorische Deprivation oder die Verweigerung von Schlaf Foltermethoden sind. Schlaf fungiere dabei als letzte Bastion in der die "Gefräßigkeit des heutigen Kapitalismus" kompromisslos unterbrochen werde. Crary verwendet dafür auch das Bild des sleep mode, eines Bereitschaftszustandes unserer technischen Geräte in denen nichts mehr richtig aus sei, aber alles an. Im neoliberal-globalistischen Denken sei Schlafen eben nur etwas für Verlierer. Das sei auch das Gespenstische an den Texten Kafkas: die erzwungene Wachsamkeit und Schlaflosigkeit, die alle beschäftigt hält, aber gar nicht notwendig sei, nehme unsere heutige Zeit schon vorweg.

Traditionelle Begriffe von gemeinsamen Erleben würden in unserer Welt verkümmern und als Folge gäbe es ein beschädigtes Verhältnis zu Vergangenheit und Erinnerung. Dazu werde die Wirklichkeit mit Hilfe der beständigen Revolutionierung von Produktion, Zirkulation, Kommunikation und Bildproduktion als gezielte Aufrechterhaltung eines andauernden Übergangs inszeniert. Denn der gegenwärtige Fortschritt bestehe in der unablässigen Vereinnahmung und Kontrolle von Zeit und Erfahrung. Neue Innovationen seien oft nur Simulationen von etwas Neuem, technische Lösungen für soziale Probleme nur eine Frage der Zeit. Aber diese Illusionen funktionieren nur so lange wie die Beschleunigung der Produktinnovation das kollektive Gedächtnis entmächtige. 

Zwischen Hypnagogie und Hypnapompie

"True affluence is not needing any thing", zitiert Crary einen Ausspruch Gary Snyders von 1969, dem Jahr es letzten Höhepunkts der "Revolution". Aber die Vernichtung des Raums durch die Zeit setzte schon im 19. Jahrhundert ein, spätestens jedoch mit der Konterrevolution der 80er-Jahre des vergangenen 20. Jahrhunderts, die die Errungenschaften der 60er zurückrollte. "Der Neoliberalismus war nicht nur gegen die New Deal Variante des sozialen Kompromisses gerichtet, er verlangte auch den Abbau und die Beseitigung der politischen und sozialen Errungenschaften der sechziger Jahre in den USA und Teilen Europas", so Crary und präzisiert, dass die "die letzten dreißig oder mehr Jahre als eine lange Periode anhaltender Konterrevolution" begriffen werden könnten.

Seine Ausführungen zum Aufkommen des Fernsehens in den Fünfziger Jahren lesen sich sehr überzeugend, wenn er beschreibt, dass man sich in einem Sog der technologischen Abhängigkeit befinde zu dessen "Leere ohne besondere Gefühlsintenisität" man jederzeit zurückkehren könne: an die Stelle des Lustgefühls trete bald ein Wiederholungszwang. Anhand von Hitchcocks "Psycho" und Philip K. Dicks "Bladerunner" exemplifiziert Crary die Monetarisierung und Quantifizierbarkeit aller sozialen Beziehungen, dass einem die Spucke wegbleibt. Was an der modernen Entwicklung besonders bedauernswert ist, drückte 
Italo Calvino vor langer Zeit mit folgenden Worten aus: "Wir verlieren die Fähigkeit mit geschlossenen Augen deutliche Bilder zu sehen.

Eine aufregende Lektüre, die zeigt wie inspirierend Philosophie sein kann. Mit Rekursen auf Jean-Luc Godard, Paul Valéry, Raymond Williams, Bernhard Stiegler, Tiqqun-Kollektiv, Alfred Hitchcock, Hannah Arendt, Chris Marker, Philip K. Dick, Italo Calvino, Jean-Paul Sartre, Gary Snyder, u. v. a. m. Jonathan Crary ist Kunstkritiker, Essayist und Meyer-Schapiro-Professor für moderne Kunst und Theorie an der Columbia University in New York. Seine Werke beschäftigen sich unter anderem mit Techniken der Wahrnehmung.


von Juergen Weber - 10. Juni 2024
24/7
Jonathan Crary
Thomas Laugstien (Übersetzung)
24/7

Schlaflos im Spätkapitalismus
Wagenbach 2021
Originalsprache: Englisch
144 Seiten, broschiert
EAN 978-3803128355