Literatur

Wie sich Menschen im Krieg verändern

Nichts ist wie vorher. Extrablätter werden verteilt, Ausrufer und Trommler verkünden die Neuigkeit in der Stadt. 1. August 1914, die "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts ist losgetreten worden, Deutschland befindet sich im Krieg. An diesem Tag beginnt Bernard von Brentanos Roman "Theodor Chindler", bis er vier Jahre später im November 1918 endet. Obwohl eigentliche Kampfhandlungen nur am Rande erwähnt werden, handelt es sich um einen Kriegsroman. Die Schrecken des gigantischen Massentötens bilden das latente Hintergrundgeräusch, das persönliche Ereignisse und Tragödien überlagert.

Gut betucht lebt die Bürgerfamilie Chindler in einer Villa in Süddeutschland. Man achtet auf Umgangsformen und Konvention, orientiert sich an der Lehre der katholischen Kirche, besucht regelmässig die Messe, betet und beichtet. Zwar gärt es unter der Oberfläche, hat sich das Eheleben abgekühlt, Konflikte schwelen, aber dies sind die normalen Kümmernisse, denen sich eine Bürgerfamilie zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgesetzt sieht. Dieses labile Gleichgewicht wird durch den Krieg erschüttert. Ein Krieg ist ein Epochenbruch, der von einem Tag auf den andern alle Selbstverständlichkeiten und Gewissheiten in Frage stellt. Politische und soziale Realitäten verändern sich diametral und wirken bis tief in die persönlichen Verhältnisse hinein.

Auf der politischen Ebene muss Theodor Chindler - Reichstagsabgeordneter der katholischen Zentrumspartei - mit zunehmender Kriegsdauer feststellen, wie wenig das Parlament in einem "halbautoritär regierten Staat" zu sagen hat. Bereits kurz nach Kriegsbeginn wissen die Eliten, dass der Krieg, nach dem Scheitern des Schlieffenplans, nicht zu gewinnen ist. Doch mehr als die Niederlage fürchtet man den Verlust der Privilegien und des eigenen Prestige. Man zieht es vor, die Bevölkerung zu täuschen, Niederlagen und die tatsächlichen Opferzahlen zu verschweigen. Die dramatischen Auswirkungen der Wirtschaftsblockade der Entente erfährt das Volk erst, als es hungern und frieren muss, weil Nahrungsmittel und Kohlen fehlen. Politik ist machiavellistische Klüngel- und Klientelwirtschaft: Das Volk darf sich zwar töten lassen, aber die Machthaber unterbinden jede Möglichkeit der Mitbestimmung. Gnadenlos deckt Brentano die Arroganz und Kaltschnäuzigkeit der Falkenhayns, Ludendorffs und Hindenburgs auf, persifliert die Statistenrollen Bethmann-Hollwegs und Rathenaus und der Untertanengeist, mit dem sich das Volk bereitwillig auf die Schlachtbank führen lässt. Zweifellos kannte Brentano die Verhältnisse, die er beschrieb, aus eigener Anschauung. Einzelnen Figuren weist er Züge seiner eigenen Familienmitglieder zu. Darüber hinaus analysiert er die widersprüchlichen Interessen der Machtelite und breitet Charakterstudien von führenden Politikern aus.

Das Familienepos verdeutlicht, wie sich Menschen im Krieg verändern. Eine moralische Leere breitet sich aus, der Zerfall jeglicher sittlichen Ordnung und das Versagen der Führungsschicht untergräbt das Vertrauen in die Politik. Anschaulich wird dies am Auseinanderbrechen der Familie Chindler geschildert. Für Ernst, den Offizier, wird der Krieg immer sinnloser; seine Ehefrau Lilly, die sich Eigenständigkeit zugesteht, betrügt ihren Mann; der stets zweifelnde, unschlüssige Vater verheddert sich in aussichtslosen Kämpfen, bis er resigniert. Krampfhaft sucht man nach Orientierung, klammert sich wie die Mutter an die katholische Lehre oder findet, wie die Tochter Maggie, im radikalen Sozialismus eine Antwort. Der zweitjüngste Sohn Leopold wendet sich der Literatur und Philosophie zu. Der Autor bleibt allen Verheissungen gegenüber zurückhaltend.

Bernard von Brentano hat seinen Debütroman 1936 im Alter von 35 Jahren im Schweizer Exil geschrieben. Zu einem Zeitpunkt, als erneut zynische Barbaren Deutschland in die Katastrophe führten. Er zeigt auf, was geschieht, wenn das Volk entmündigt, manipuliert und von der Mitbestimmung ausgeschlossen wird. So widersprüchlich wie seine Romanfiguren war im Übrigen auch Bernard von Brentanos Leben. Obwohl er mit seiner Sozialreportage "Der Beginn der Barbarei in Deutschland" bei den Nazis in Misskredit geriet und sich ins Schweizer Exil begab, verstörte er mit seinem sprunghaften Denken, seinen mitunter nationalchauvinistischen und antisemitischen Äusserungen seine Freunde im Exil. Vielleicht mit ein Grund, dass er sich in der Schweiz nie heimisch fühlte.

Lange Zeit war das Buch vergriffen. Nun ist es fünfzig Jahre nach dem Tod des Autors neu aufgelegt worden. Nicht zu Unrecht hielten Thomas Mann und Bertolt Brecht grosse Stücke auf diesen Roman. Mit der Neuauflage holt der Schöffling Verlag einen der interessantesten Literaten der Zwischenkriegszeit aus der Vergessenheit hervor. Auch heute noch eine lohnende Lektüre!

von Urs Hardegger - 12. September 2015 - Short URL https://goo.gl/q0PDXT

Literatur Roman Krieg Deutschland

Theodor Chindler
Bernard von Brentano

Theodor Chindler


Schoeffling 2014
472 Seiten, gebunden
EAN 978-3895614880

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