Der makroökonomische Blick
ichael Frenkel, Inhaber des Lehrstuhls für Makroökonomik und Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der WHU - Otto Beisheim School of Management, Vallendar, und Klaus Dieter John, Professor für Wirtschaftspolitik an der Technischen Universität Chemnitz, gehen von der Überlegung aus, dass Kreislaufanalyse und Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung die unverzichtbare Grundlage jeglicher makroökonomischen Theorie und Politik bilden. Daran knüpfen die beiden Verfasser die Zielsetzungen dieses Lehrbuchs an. "Ein tragfähiges Fundament für makroökonomische Theorie und Politik zu legen und dabei gleichzeitig einen quantitativen Eindruck vom Wirtschaftsgeschehen in der Bundesrepublik Deutschland zu vermitteln ..." (S. 1)
Das Werk besteht aus vier Teilen:
- Der erste Teil gibt einen Überblick über die Ziele und Systematik der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (= VGR) und beantwortet die Frage, wofür die Daten der VGR verwendet werden. Anschließend werden zentrale Grundelemente von Kreislaufanalyse und VGR behandelt. Von elementarer Bedeutung sind die Unterscheidung von Strom- und Bestandsgrößenrechnungen, die Klassifizierung der Wirtschaftssubjekte und ihrer ökonomischen Aktivitäten sowie die Gliederung, Erfassung und Bewertung der zu beobachtenden ökonomischen Transaktionen;
- Der zweite Teil befasst sich mit dem Wirtschaftskreislauf, d. h. mit der Veranschaulichung der mit dem Wirtschaftsprozess verbundenen Transaktionen. Danach werden im Rahmen der Kreislaufanalyse wichtige Beziehungen zwischen den einzelnen Strömen abgeleitet und analysiert. Des Weiteren wird das Prinzip der Inlandsproduktberechnung mithilfe eines gegenüber realen VGR-Systemen stark vereinfachten Kontenschemas dargestellt. Die hier erarbeiteten Konzepte bilden den begrifflichen Rahmen und das Minimalgerüst zum besseren Verständnis für die deutlich komplexeren Rechensysteme der amtlichen Statistik;
- Der dritte Teil befasst sich mit dem Kern des in Deutschland verwendeten Gesamtrechnungssystems, der Berechnung von Inlandsprodukt und Nationaleinkommen. Zuerst wird das Kontensystem des ESVG, das 1995 für die Mitgliedsländer der Europäischen Union verbindlich vorgeschrieben ist, erläutert. Die sukzessive und zwischenzeitlich abgeschlossene Anpassung des deutschen Gesamtrechnungssystems an das ESVG 95 führte zu einer ganzen Reihe konzeptioneller und begrifflicher Änderungen (z. B. eine stärkere Untergliederung der inländischen Sektoren und - weniger bedeutend, aber in der Öffentlichkeit am stärksten aufgefallen - die Ablösung des Begriffs "Bruttosozialprodukt" durch den Begriff "Bruttonationaleinkommen"). Im Mittelpunkt der weiteren Ausführungen stehen die wichtigsten Anwendungsgebiete der Inlandsproduktberechnung und die hierbei auftretenden Probleme, wie etwa die intertemporale und internationale Vergleichbarkeit von Einkommensdaten oder die Aussagefähigkeit solcher makroökonomischen Größen und Teilaggregaten;
- Der vierte Teil widmet sich den wichtigsten Nebenrechnungen der VGR. Während die Input-Output-Rechnung vor allem Informationen über die nationale und internationale Verflechtungen des Produktionsbereiches anbietet, gewährleistet die Vermögensrechnung Informationen über das Niveau des Vermögens einer Volkswirtschaft und ihrer Sektoren. Mit der Finanzierungsrechnung werden insbesondere die nach Arten spezifizierten Veränderungen der Forderungen und Verbindlichkeiten zwischen den einzelnen Sektoren dargestellt. Das abschließende Kapitel der Außenwirtschaftsrechnung befasst sich vor allem mit der Zahlungsbilanz, in welcher im Wesentlichen die Güter- und Kapitalströme sowie die Nettovermögenspositionen zwischen Inländern und Ausländern gegenübergestellt werden. Überlegungen zum Wechselkurs und Außenwert einer Währung sowie zu den Außenhandelspreisen und Terms of Trade schließen diesen Teil ab.
In jüngerer Zeit hat die Kritik am Bruttoinlandsprodukt als Maß für die Wohlfahrt eines Landes in Wissenschaft, Politik und Medien zunehmende Aufmerksamkeit erfahren. Die beiden Autoren nutzten die Gelegenheit einer Neuauflage, um in diesem Zusammenhang u.a. auf neuere Untersuchungen zur Glücksforschung ("Happiness Economics") sowie auf die Arbeit und die zwölf Empfehlungen der sogenannten Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission, welche im Auftrag des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy "die Messung der wirtschaftlichen Leistung und des gesellschaftlichen Fortschritts" wissenschaftlich untersuchte, näher einzugehen. Auch die wichtigsten konzeptionellen Neuerungen der Umweltökonomischen Gesamtrechnung durch das Statistische Bundesamt wurden berücksichtigt. Darüber hinaus wurde insbesondere das gesamte Zahlenmaterial auf den neuesten Stand gebracht und damit sichergestellt, dass dem Leser auch in quantitativer Hinsicht wiederum ein aktuelles Bild der VGR offeriert wird.
Der gelungene methodisch-didaktische Aufbau dieses Werkes wurde beibehalten. Den Autoren ist es in der Tat gelungen, eine für Nichtfachleute eher spröde Materie anschaulich und interessant darzustellen. Durch viele Anwendungsbeispiele und eine deutliche Herausstellung des empirischen Befundes wird zweifelsohne das Interesse am Lehrstoff erhöht. Die in Kästen untergebrachten Textteile, welche die Ausführungen vertiefen oder den Charakter von Exkursen haben, wecken bzw. verstärken das Interesse und tragen zum besseren Lernerfolg bei.
Dieses Lehrbuch hat sich - nicht zuletzt wegen der kompakten und gut verständlichen Aufbereitung der VGR - zwischenzeitlich an vielen deutschen Hochschulen als Standardwerk etabliert. Es kann insbesondere den Studenten der Wirtschaftswissenschaften, aber auch den Studenten der Volkswirtschaftslehre im Nebenfach, sowohl als vorlesungsbegleitende Lektüre, als auch zum eigenständigen Selbststudium, sehr gut empfohlen werden.